Landeshauptstadt München

 

Museum Villa Stuck

Zur Ausstellung
Gruppe SPUR
13. Juli bis 22. Oktober 2006

      Heimrad Prem
Dos Caballeros, 1962

Collage und Öl auf Leinwand, 150 x 130 cm
Städtische Galerie im Lenbachhaus, M ünchen
© VG Bild-Kunst, Bonn 2006
Foto: © Städtische Galerie im Lenbachhaus, München
 
 

"Wer in Politik, Staat, Kirche, Wirtschaft, Militär, Parteien, Organisationen keine Gaudi sieht, hat mit uns nichts zu tun."
Januar-Manifest , Gruppe SPUR, 1961

Die Gruppe SPUR zählt zu den wichtigsten deutschen Künstlergemeinschaften nach dem Zweiten Weltkrieg. Gegründet 1957 von dem Bildhauer Lothar Fischer (1933-2004) und den Malern Heimrad Prem (1934-1978), Helmut Sturm (geb. 1932) und HP Zimmer (1936-1992), findet SPUR zu einer höchst eigenständigen Malerei, die Figuratives mit Abstraktem verbindet. Die vom Museum Villa Stuck organisierte Ausstellung zeichnet die Entwicklung der Künstlergruppe nach - von den informellen Anfängen bis hin zu Gemeinschaftsarbeiten der Mitglieder Mitte der 1960er Jahre.

Als sich 1952 drei der zukünftigen Mitglieder der Gruppe SPUR, Fischer, Prem und Sturm, kennen lernten und ihr Studium an der Münchner Akademie der Bildenden Künste aufnahmen, war in der Bundesrepublik Deutschland gerade eine leidenschaftliche Debatte über die Remilitarisierung Deutschlands und den Koreakrieg im Gang. Die Stadt München war bemüht um den Wiederaufbau, die Zeit war geprägt durch die voranschreitende Tilgung von Spuren der Zerstörung und des Leids, der Krise und Instabilität, des Unvertrauten und Unvollkommenen. Die daraus resultierende Amnesie in der »Traumstadt« München, die immer vollkommenere Projektionsfläche des Verlangens nach Repräsentation und ästhetischem Genuss, verschafft ihren kriegsmüden Bürgern Trost und ein Gefühl der Sicherheit. Für eine neue Generation junger Künstler jedoch, darunter die Mitglieder der Gruppe SPUR, ist diese Welt der Illusion und Verdrängung mit der bitteren Realität unvereinbar.

Das SPUR -Manifest aus dem Jahr 1958 gegen die Harmonie lässt sich gewiss vor dem Hintergrund des Beitrages der Gruppe SPUR zu paneuropäischen Bewegungen wie der Situationistischen Internationale ( S. I. ) begreifen. Ebenso wichtig und notwendig ist es jedoch, die Gruppe und ihren »ehrlichen Nihilismus« (Manifest 1958) im kulturellen und politischen Kontext Deutschlands und speziell Münchens zu verstehen, also im Zusammenhang jener, wie die Künstler selbst es ausdrückten, »Formen, Anschauungen und Werte, die ... trotz der offensichtlichen zweimaligen Katastrophe wieder etabliert werden«.

Die Aktionen, Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Manifeste und sonstigen Veröffentlichungen der Gruppe SPUR verweigern sich jeder dogmatischen oder programmatischen Kategorisierung: »Wir enttäuschen sie, in dem wir uns in keine der bestehenden Systeme einordnen lassen, auch nicht im kulturellen Sektor.« Sie wollten sich weder in eine ideale Welt der Gegenstandslosigkeit zurückziehen, wie sie Hilla von Rebay propagierte, noch in eine transzendentale Abstraktion, wie Willi Baumeister 1950 in den Darmstädter Gesprächen sie vertrat. Während der umstrittene Kunsthistoriker Hans Sedlmayr in seinem Darmstädter Vortrag ein ultra-optimistisches Menschenbild als Antwort auf »das Chaotische« und die »radikale Spaltung des Menschenbildes« fordert, sucht die Gruppe SPUR gerade, Chaos, Spaltung des Menschenbildes und das Optimistische zu vereinen , und zwar in einer anarchischen, multidimensionalen und multifokalen »Malerei der Zukunft«! Das Optimistische kommt vor allen Dingen in einem »Mut zur Farbe« zum Ausdruck.

Innerhalb des Gemeinschaftsgefüges gab es dabei wechselnde Fraktionsbildungen, was beispielsweise die von Sturm und Prem initiierte »Facettenphase« um 1960 exemplarisch zeigt. Erklärtes Ziel aller vier Künstler war es immer, sich selbst und das eigene Werk zur Diskussion zu stellen und die Gruppe als wichtiges und zwingendes Korrektiv zuzulassen. Nicht die Homogenität war gefragt, sondern die Heterogenität der Gemeinschaft. Gerade das Zusammenwirken von verschiedenen Interessen führte zu einer neuen Qualität und 1962/1963 schließlich zur Neuen Figuration . 1963 entsteht der SPUR-BAU , eine Gemeinschaftsarbeit, die als Auftragsarbeit für die Troisième Biennale de Paris angefertigt wurde. Der aus einem bauchig-pilzartig geformten Hauptturm und mehreren kleinen Nebentürmen gestaltete Bau wird von geschwungenen, spiralförmigen Wegen sowie Drähten umkreist, die der Zufahrt zum Gebäudeinneren und zur Plattform des Turms mit Skulpturengarten dienen. Der im Wesentlichen in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau größtenteils streifenartig bemalte geweißte Tonkörper gilt als ein Beispiel, wie die urbanistischen Theorien der Situationisten, etwa der Wunsch nach der Errichtung einer Experimentalstadt, umgesetzt werden.

SPUR bejahte die Offenheit und ließ auch andere Künstler oder Schriftsteller von Zeit zu Zeit an ihren Aktivitäten teilhaben. Zu Beginn zeichneten die bildenden Künstler Erwin Eisch (geb. 1927), Gretel Stadler verh. Eisch (geb. 1937) und Dieter Rempt für die SPUR, dann schlossen sich der spätere Mitbegründer der Kommune I in Berlin, Dieter Kunzelmann (geb. 1939) und der Maler Uwe Lausen (1941-1970) an. Im Innenverhältnis empfand man die Gruppe also als Inspirations- und Diskussionsforum, nach außen hin jedoch bot sie Halt und Sicherheit.

Die Aktionen, Publikationen und Provokationen der Gruppe SPUR zogen das Interesse der Münchner Staatsanwaltschaft auf sich. Die sechs Ausgaben der Künstlerzeitschrift SPUR werden allesamt beschlagnahmt und zensiert. Ein gestempelter Aufdruck auf dem Umschlag von Heft Nr. 6 - SPUR IM EXIL - besagt: »Auf Anordnung des Landgerichts München I wurden die beanstandeten Stellen geschwärzt.« Die Gruppe SPUR veröffentlicht daraufhin ein Flugblatt, in dem sie gegen diese »herausfordernde Frechheit« protestiert; Künstler und Intellektuelle wie Guy Debord und Asger Jorn bekunden in Briefen ihre Solidarität; führende Publizisten wie Werner Haftmann, Joachim Kaiser und Walter Jens verfassen Gutachten zugunsten der Künstler. Am 4. Mai 1962 findet der erste SPUR-Prozess statt, bei dem sich Kunzelmann, Prem, Sturm und Zimmer vor dem Amtsgericht München wegen Gotteslästerung, Religionsbeschimpfung und Verbreitung unzüchtiger Schriften verantworten müssen. Da jedoch nicht mehr die ganze Zeitschrift SPUR 6 beanstandet wird, verringert sich das Strafmaß für Kunzelmann und Zimmer erheblich; Sturm wird freigesprochen. Weitere Berufungsverfahren werden Jahre später beendet.

Die Ausstellung im Museum Villa Stuck - kuratiert von Dr. Pia Dornacher und mit-initiiert von Marie-José van de Loo - wird im Ateliergebäude der Villa Stuck präsentiert. In der Villa Stuck befanden sich nach 1945 führende Münchner Galerien und Institutionen, so etwa die Galerie Günther Franke und das Modern Art Museum von Gunter Sachs. Wegweisende Ausstellungen zur Moderne und zur zeitgenössischen Kunst fanden statt, die weit über die Stadtgrenzen hinaus Aufsehen erregten. Auch die Galerie van de Loo zeigte von 1966 bis 1974 im Ateliertrakt der Villa Stuck Arbeiten der SPUR-Künstler. So knüpft die Ausstellung Gruppe SPUR , wie schon die Ausstellung Art of Tomorrow. Hilla von Rebay und Solomon R. Guggenheim, an die nunmehr sechzigjährige Geschichte des Ateliergebäudes der Villa Stuck als Ausstellungsort für moderne und zeitgenössische Kunst an.