Landeshauptstadt München

 

Museum Villa Stuck

Chronologie
Gruppe SPUR
13. Juli bis 22. Oktober 2006

      HP Zimmer
SPUR, 1960

Tusche und Bleistift auf Papier
Kunsthalle in Emden. Schenkung Otto van de Loo
© VG Bild-Kunst, Bonn 2006
 
 

1952
Heimrad Prem, Helmut Sturm und Lothar Fischer lernen sich bei der Aufnahmeprüfung an der Akademie der Bildenden Künste in München flüchtig kennen.

1957
Am 28. Juli gründen im italienischen Cosio d'Arroscia u. a. der Pariser Lettrist Guy Debord, der dänische CoBrA-Mitbegründer Asger Jorn und der italienische Maler Pinot Gallizio die Situationistische Internationale ( Internationale Situationniste ) .

In der Ausstellung Atelierschau der Gruppe junger Künstler aus München und Berlin zeigen die späteren SPUR-Mitglieder zusammen mit anderen Künstlern im Pavillon Alter Botanischer Garten erstmals gemeinsam ihre Arbeiten.

1958
Anfang des Jahres findet man den Gruppennamen buchstäblich auf der Straße, als einige Mitglieder der SPUR über ihre Namensfindung diskutieren und dabei auf ihre eigenen Spuren im Schnee aufmerksam werden. Im Sommer beteiligen sich die SPUR-Künstler an der Ausstellung im Schwabinger Kunstzelt (1. Juli bis 5. Oktober) , einer Mischung aus Bierzelt und Ausstellungsort anlässlich der 800-Jahr-Feier der Stadt München. Asger Jorn wird auf die Arbeiten der SPUR aufmerksam.

Im Herbst geben die SPUR-Künstler im Eigenverlag eine Grafik-Mappe heraus, für die Heimrad Prem, HP Zimmer, Helmut Sturm, Dieter Rempt, Lothar Fischer und Erwin Eisch Radierungen anferti-gen. Ergänzt werden die Arbeiten durch Texte von Asger Jorn, Hans Platschek, Franz Roh und Conrad Westpfahl.

1959
Die SPUR wird vom Berufsverband der Bildenden Künstler eingeladen, im Münchner Völkerkunde-museum eine Ausstellung mitzugestalten. Zur Eröffnung von Extremisten - Realisten (23. Januar bis 8. März) kündigt man den Philosophen Max Bense als Redner an. Es kommt zum so genannten Bense-Skandal: Bense - der von der Einladung nicht wusste - wird durch ein Tonband ersetzt, das HP Zimmer mit z usammenhanglosen Versatzstücken aus Benses Schriften besprochen hat.

Vom 17. bis 21. April findet nach den Konferenzen in Cosio d'Arroscia und Paris im Jägerzimmer des Schwabinger Gasthofs »Herzogstand« die 3. Konferenz der Situationistischen Internationale statt. Die Gruppe SPUR wird offiziell als »deutsche Sektion« in die Bewegung aufgenommen.

Ausstellung in der Galerie van de Loo, Gruppe SPUR (17. Oktober - 21. November)

1960
Anfang des Jahres verlassen Eisch und Stadler die Gruppe SPUR. Die Gruppe SPUR stellt Arbeiten in der Ausstellung Junge deutsche Kunst im Ulmer Museum aus.

Im August erscheint die erste Ausgabe der Zeitschrift SPUR.

Dieter Kunzelmann, der spätere Mitbegründer der Subversiven Aktion sowie der Kommune I , stößt im Spätsommer auf die Gruppe SPUR, als diese - wie gewohnt - in Schwabinger Lokalen unterwegs ist, um ihre Zeitschriften und Manifeste zu verteilen.

Im September stellt die SPUR in der 1959 gegründeten Essener Dependance der Galerie van de Loo aus. Ende September reisen Prem, Sturm und Zimmer zur 4. Konferenz der Situationistischen Internationale , die vom 24. bis 28. September in London stattfindet.

Im November gibt die SPUR die zweite Ausgabe ihrer Zeitschrift, SPUR 2 , heraus . Bereits im Dezember erscheint die dritte Ausgabe der SPUR -Zeitschrift. Im selben Monat sucht Uwe Lausen über HP Zimmer den Kontakt zur SPUR.

1961
Im Januar verfasst die SPUR - nun mit Dieter Kunzelmann - anlässlich der Ausstellung Engagierte Kunst , die am 13. Januar im Kunstverein München eröffnet wird, das so genannte Januar- bzw. Gaudi-Manifest. Das Bayerische Kultusministerium erteilt der Gruppe Ausstellungsverbot im Haus der Kunst. In Reaktion auf das Ausstellungsverbot im Haus der Kunst gibt die SPUR der nächsten Ausgabe ihrer Zeitschrift, SPUR 4 , den Untertitel Die Verfolgung der Künstler .

Ebenfalls im Januar wird Avantgarde ist unerwünscht als Flugblatt der Situationistischen Internationale im Theater Münchner Kammerspiele von den Rängen geworfen.

Im Frühjahr kommt es zu einem Konflikt zwischen Künstlern der Galerie van de Loo, dem Galeristen und der Situationistischen Internationale . Die SPUR entscheidet sich für die Situationistische Internationale . Ihr gelingt es jedoch in der Folge, die Wogen zu glätten und - zumindest intern - den Kontakt zu van de Loo aufrecht zu erhalten.

Die 5. Ausgabe der Zeitschrift SPUR trägt den Untertitel Spezialnummer über den Unitären Urbanismus . Innerhalb eines Unitären Urbanismus , als zentralem Begriff der situationististischen Theorie, fordert man die Anwendung aller situationistischen Methoden zur Konstruktion eines Milieus, womit eine einzelne Situation genauso wie ein gesamter Lebensraum gemeint sein kann.

Während des Aufenthalts in Drakabygget in Schweden gestalten Prem, Sturm, Zimmer, Kunzelmann und Nash mit SPUR 6 unter dem Titel SPUR IM EXIL eine weitere Ausgabe der SPUR -Zeitschrift. Von Drakabygget reisen Kunzelmann, Nash, Prem, Sturm und Zimmer nach Göteborg, wo sie vom 28. bis 30. August an der 5. Konferenz der Situationistischen Internationale teilnehmen. Im September brechen

die SPUR-Künstler nach Italien auf. Dort entsteht im Oktober mit Lothar Fischer als Redakteur und von dem Mäzen Paolo Marinotti finanziell unterstützt SPUR 7 Album per disegno , die siebte und letzte Ausgabe der SPUR-Zeitschriften .

Im November - die SPUR ist mittlerweile wieder in München - erfolgt die Beschlagnahmung aller noch greifbaren Exemplare der SPUR -Zeitschriften Nr. 1 bis Nr. 6, insgesamt 129 Exemplare, durch das Sittendezernat.

1962
Im Januar erscheint das so genannte SPUR-Buch Band 1 in einer Auflage von 270 Exemplaren. Es enthält die SPUR-Historie , alle sieben Ausgaben der SPUR -Zeitschriften sowie einige Manifeste. Im Februar wird die Gruppe aus der Situationistischen Internationale ausgeschlossen.

Im Frühjahr sind Arbeiten der Gruppe SPUR in zwei Ausstellungen zu sehen, so in Einzelpräsentationen in der Galerie van de Loo in München und im Graphischen Kabinett Dr. Hanna Grisebach, Heidelberg. HP Zimmer ist am XVIII. Salon de Mai im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris beteiligt.

Am 4. Mai findet der erste SPUR-Prozess statt, bei dem sich Kunzelmann, Prem, Sturm und Zimmer vor dem Amtsgericht München wegen Gotteslästerung, Religionsbeschimpfung und Verbreitung unzüchtiger Schriften verantworten müssen. In der o ffenen Erklärung » Unsere Antwort« vom 4. Mai reagieren die SPUR-Künstler auf die Vorwürfe. Im Herbst verlässt Kunzelmann die Gruppe wegen ideologischer Differenzen. Als am 7. November der zweite SPUR-Prozess ansteht, verfügt man über wohlwollende Gutachten von dem Kulturkritiker der Süddeutschen Zeitung Dr. Joachim Kaiser, dem Kunsthistoriker Dr. Werner Haftmann, dem Professor für Klassische Philologie Walter Jens und dem ehemaligen Akademielehrer Prems, Professor Josef Oberberger. Die Verteidiger plädieren auf Freispruch. Da jedoch nur wenige Textstellen und nicht mehr die ganze Zeitschrift SPUR 6 beanstandet werden, verringert sich das Strafmaß für Kunzelmann und Zimmer und lautet nunmehr: fünf Wochen auf Bewährung. Sturm wird freigesprochen. Weitere Berufungsverfahren ziehen sich bis Mitte der 1970er Jahre hin und werden schließlich mit der Ablehnung einer Verfassungsbeschwerde am 4. April 1975 beendet.

1963
Im März malen Fischer, Prem, Sturm und Zimmer im Auftrag Willi Bleichers das Esszimmer in dessen Landhaus in der Nähe von München aus.

Im Juli wird die Gruppe SPUR von Marinotti zur Gruppenschau Visione Colore in das Centro Interna-zionale delle Arti e del Costume im Palazzo Grassi eingeladen. Für die Ausstellung wird die Gruppe mit einer Saalgestaltung beauftragt. Mehrere Wandgemälde entstehen ( Canal Grande Crescente ).

Im September wird die Gruppe SPUR zur Troisième Biennale de Paris, Nouveaux Espaces im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris, eingeladen. Die Künstler konzipieren im Maßstab 1:78 das Modell für den SPUR-BAU , einen utopischen Architekturentwurf, den sie laut ihrer Modellerläuterungen aber durch-aus als »realisierbares Projekt« verstanden wissen wollen. So soll der Bau ein großes Kulturzentrum mit Galerie, Skulpturengarten, Bibliothek, Theater- und Konzertsaal, Kino, Restaurants, Hotels und Bars be-herbergen . Die Künstler knüpfen dabei an die situationistischen Theorien eines Unitären Urbanismus an .

1964
Im März ist SPUR auf der Ausstellung Junge deutsche Kunst der Gegenwart, Salon Comparaisons im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris vertreten, die anschließend zum Kunstverein München geht.

Prem und Fischer sind ab dem 27. Juni mit Einzelarbeiten auf der documenta III in Kassel vertreten.

Im Oktober bestreitet die SPUR ihre einzige Ausstellung in den USA in der New Yorker Galerie Osborne.

1965
Auf Einladung des Salon de la Jeune Peinture bringen Prem und Sturm Anfang des Jahres Arbeiten der SPUR nach Paris.

Im März sind die SPUR-Künstler mit ihren Arbeiten beim Augsburger Frühjahrssalon (8. März bis 11. Mai) vertreten. Dort stoßen sie auf die Künstler der Gruppe WIR, die von Helmut Rieger, Florian Köhler und Heino Naujoks 1959 - also nur zwei Jahre nach SPUR - in München gegründet wurde und der sich 1961 noch Hans Matthäus Bachmayer und Reinhold Heller angeschlossen hatten. Ab April arbeiten die Künstler punktuell zusammen.

Im April findet in der Wohnung von Vera und HP Zimmer in der Milbertshofener Straße 10 eine über mehrere Tage dauernde letzte gemeinsame Malaktion der vier SPUR-Künstler statt.

Im Mai halten die Gruppen SPUR und WIR die Grundsätze für ihre gemeinsame Arbeit fest.

Ab September ist in der Münchner Galerie van de Loo die Ausstellung Gruppe SPUR. Bilder und Plastiken zu sehen.

1966
Die Künstler von SPUR und WIR bilden unterschiedliche Teams, beispielsweise Sturm/Köhler/Naujoks, die zusammen an Antiobjekten arbeiten.

Nach seiner Rückkehr nach München im Mai distanziert sich Prem vom Gruppengeschehen. Auch Fischer zieht sich in der Folge sukzessive zurück. I m September lädt die Galerie van de Loo zur ersten Einzelausstellung der Gruppe unter ihrem neuen Namen GEFLECHT in die großzügigen Räume der Villa Stuck ein, die van de Loo seit diesem Jahr zusammen mit anderen Münchner Galerien gemietet hat.