Start > Ausstellungen > FRANZ VON STUCK. MEISTERWERKE DER MALEREI - 4. Dezember 2008 bis 15. März 2009 - verlängert bis 29. März

Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

Zur Ausstellung: Franz von Stuck. Meisterwerke der Malerei

Der Rundgang beginnt in den Wohnräumen mit Bildern von Schönheit und Versuchung. Sujets wie Susanna und die beiden Alten, Judith und Holofernes und Salome sind Darstellungen der sexuellen Versuchung, des Versuchtwerdens und der Verführung. Stucks Werke beschreiben das moderne Verhältnis der Geschlechter aus der Sicht eines Mannes. Aus dem Kreis der antiken Themen entsprechen dem die Figuren der Circe und Helena, deren Schönheit für den Mann todbringend sind. Aber auch in den Kindfrauen, wie der Personifikation des Frühlings und selbst im Aschenbrödel kündigt sich die aufblühende Sinnlichkeit bereits an.

Daran schließen sich Gemälde der geheimnisvollen Sphinx an. Mit dem Werk Ödipus löst das Rätsel der Sphinx zielte Stuck auf das Problem menschlicher Erkenntnisfähigkeit im Nachdenken über die drei Menschheitsfragen: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Das Thema Kuss der Sphinx wurde von Heinrich Heine im Buch der Lieder von 1839 eingeführt. Stuck erschuf mit seiner visuellen Umsetzung 1895 einen neuen modernen Mythos. Der Mann als willenloses Opfer im Zustand der Wollust spiegelt Urängste, die die zeitgenössische Ausprägung des Geschlechterkampfes bestimmten.

Im Obergeschoss führt die Ausstellung weiter in das Alte Atelier zum Thema Kampf ums Dasein, das die Auseinandersetzung mit der Evolutionslehre Darwins in den Bildern Stucks widerspiegelt. Er zeigt den Kampf zwischen Rivalen, den Kampf der Männer um die Frau wie auch den Kampf zwischen Mann und Frau. Stuck entwickelt eine eigene Gattung von Gemälden, die den Kampf des Urmenschen mit animalischen Zügen und der Mischwesen als Tiermenschen in prähistorischer Zeit als Übergangszustand der Entwicklungsgeschichte darstellen.

Die Gemälde des Themenkreises Tugend und Sünde im ehemaligen Schlafzimmer Franz von Stucks gehören zu den Höhepunkten der Ausstellung. Der tugendhaften Innocentia gegenüber steht das Thema der Sünde, das sich vom Sündenfall als Anbeginn aller Schuld bis hin zum Weltgericht am Ende aller Zeiten spannt: Dem Sündenfall der Genesis folgen die Vertreibung aus dem Paradies mit dem Wächter des Paradieses als Schwellenhüter, der Adam und Eva den Rückweg in Das verlorene Paradies verwehrt und am Ende aller Zeiten als seelen-richtender Engel des Gerichts wiederkehrt. Der gefallene Erzengel Luzifer, der Lichtbringer, der von Michael besiegt in die Hölle gestürzt wird, ist Ausdruck des Bösen und Grausamen schlechthin. Sein Sitz ist die Hölle, nach Dante das Inferno, der Ort ewiger Folter und Qual.

Das Kapitel Amor vincit omnia – der Sieg der Liebe ist dem antiken Liebesgott Amor gewidmet. S cheinbar den Gefährdungen seiner Herrschaft bewusst, gewinnt er in den Gemälden Stucks bisweilen an Ernst. Stuck zeigt Amor düster und bedrückt als Imperator, als thronenden Kindkönig, in Canzonetta d´amore schlägt der waffenzückende Genius akrobatisch seine Capriolen, an anderer Stelle demonstriert er ein Wappenschild mit dem Uroboros, dem Symbol der Unendlichkeit. Die Liebesschaukel zeigt zuletzt den bogen-spannenden Eroten als schönen, geflügelten Knaben auf der Weltkugel balancierend, als Schiedsrichter im Geschlechterkampf zwischen Mann und Frau.

Zu den Visionen des Untergangs und den Emanationen des Bösen gehört die Wilde Jagd, im deutschen Volksglauben ein Geister- beziehungsweise Totenheer, das alljährlich in der Zeit zwischen Heiligabend und dem Drei-Königs-Tag als ungestüme Schar mit Sturmesheulen und tosendem Lärm über den nächtlichen Himmel reitet. Unter Hundegebell führt der germanische Gott Wotan das Heer von Verstorbenen an. Die Angst vor dem als Schnitter (Sensenmann) dargestellten Tod und der Vergänglichkeit des Menschen thematisiert ein spätes Gemälde Stucks nach dem Vanitas-Gedicht und Volkslied des 17. Jahrhunderts Es ist ein Schnitter, heißt der Tod, das in Des Knaben Wunderhorn abgedruckt wurde. Die berühmteste Todesallegorie Franz von Stucks ist Der Krieg. Die Besonderheit des Gemäldes liegt in der Personifikation des Todes als antikem Todesgenius in Jünglingsgestalt, der auf einem Rappen über ein Totenfeld nackter Menschen reitet. Die Ölstudie Feinde ringsum visualisiert das Schlagwort, das Kaiser Wilhelm II. bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 prägte. Die Formulierung stammt aus dem Alten Testament und wird im Zusammenhang mit Kriegsgefahren verwendet.

Im Vordergrund der Kreuzigung Christi und Grablegung steht das Leiden des Menschen allgemein. Christus als »der glaubensstarke Revolutionär« ist Opfer und Märtyrer und Beispiel für den Menschen; er ist bereit, sich zu seinen Überzeugungen zu bekennen, Zeugnis abzulegen und für seinen Glauben zu sterben. Diese Aussage wird erweitert durch die Szene der Ohnmacht und Trauer Mariens. Der Ölstudie zur Pietà (vor 1891) verleiht Stuck seine eigenen Gesichtszüge. Die Darstellungen des leidenden Christus sind bis in die Moderne ein Verweis auf die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft.

Die Ausstellung setzt sich im zweiten Obergeschoss mit dem Thema Die Macht des Mythos fort. Die Wiederbelebung von Mythen diente vielfach dem Versuch, Erklärungen für zeitgenössische Erfahrungen zu finden. Stuck zeigt in einem frühen Gemälde den Dichter Ovid, dessen Metamorphosen eine unerschöpfliche Quelle für die bildende Kunst bildeten. Auch der Ruhm des Künstlers wurde in Legenden tradiert. Stuck wandelt die antike Figur der Fama – die Verkörperung des irdischen Ruhms – zum Siegergenius. Er trägt die Gesichtszüge eines jugendlichen Römers; als solcher stilisiert sich Stuck in Porträts auch selbst und schafft so von Anbeginn seiner Karriere eine assoziative Verknüpfung mit dem legendenbildenden Ruhm des antiken Künstlers.

Der folgende Themenkreis ist den Prinzipien des Apollinischen und Dionysischen nach Friedrich Nietzsche gewidmet, einer der wichtigsten ästhetischen Theorien am Ende des 19. Jahrhunderts. Mit der Herausarbeitung dieses Begriffspaares – das einen kaum überschätzbaren Einfluss auf zahlreiche Künstler ausübte – und seinem neuartigen Bild der Antike trat der Philosoph förmlich eine Lawine los. Für Nietzsche ist Apollon verantwortlich für Form, Klarheit, festen Umriss, Traum und Individualität. Demnach ist er zugleich der Gott der Struktur, der theoretischen, intellektuellen, nach Maß, Ordnung und Harmonie strebenden Formvorstellungskraft. Dionysos hingegen steht für das Sinnliche, Expressive, Spontane, Sprunghafte, das dichotomische Welterlebnis, für ausschweifende Exzesse, für wilde Auflösung, für Chaos, Tanz und die Entgrenzung des Individuums. Verkörpert Apollon Regeln, so steht Dionysos für ein Leben jenseits aller Regeln. Dionysos bedingt Apollon und nimmt damit in der Sichtweise Nietzsches die zentrale Stellung ein. Die Gemälde Stucks zu Themen der Musik wie Orpheus einerseits und Blasender Faun, Trunkene Kentaurin, Frühlingsreigen, Bachantenzug oder reitender Bachusknabe andererseits, personifizieren die Prinzipien der beiden Götter; sie finden sich – innenarchitektonisch verarbeitet – auch im Raumprogramm des Musiksalons der Villa Stuck wieder.

Die Ausstellung endet mit den provokanten Frauentypen der Kämpfenden Amazone und der Pallas Athene. Einerseits sah man in den Amazonen Kulturbringerinnen inmitten barbarischer Stämme, andererseits ursprüngliche und wilde Wesen, die noch der Zivilisierung bedurften.

Bei der Kämpfenden Amazone fällt die Ähnlichkeit des Profilkopfes mit Stucks früher Pallas Athene auf, die sich nur in Details der Helmzier unterscheidet. Als einziger olympischer Göttin fällt Pallas Athene im Werk Franz von Stucks eine Sonderrolle zu. Sie ist die Beschützerin von Kunst und Wissenschaft, Göttin des Friedens mit zurückgeschobenem Helm wie Perikles, und handelt jenseits menschlicher Leidenschaften. Stucks Pallas Athene wurde zum berühmten Symbol der 1892 gegründeten Münchner Secession.