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Zur Ausstellung »Terunobu Fujimori. Architekt«

Obwohl Terunobu Fujimori ausgebildeter Architekt ist, war er Jahrzehnte lang als Architekturhistoriker tätig. Fasziniert nicht nur von den Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux und den Standing Stones der Jungsteinzeit, verschaffte er sich ein umfassendes Wissen über die Architektur verschiedenster Zeiten und Kulturen. Erst im Alter von über 40 Jahren debütierte er als Architekt.

Auf Anregung einer Priesterfamilie aus seiner Heimat in der Provinz Nagano entwarf er 1991 das »Historische Museum der Priesterfamilie Moriya« für die Stadt Chino. Da er bereits bestehende Bauten nicht imitieren wollte, aber auch das gängige Repertoire der zeitgenössischen Architektur nicht passend fand, entstand ein mysteriöser Bau von hoher Originalität, der sich mit seinen Fußböden aus gestampftem Lehm, seiner Außenhaut aus Kastanienholz, seinem quadratischen Dach und seiner Vertikalität harmonisch in die Landschaft der umliegenden Ebenen und Berge einfügt.

Bereits in diesem Bau scheinen grundlegende Charakteristika seiner von nun an in ungebremster Kreativität entstehenden Entwürfe auf: In Rückbeziehung auf archaische Vorbilder verwendet Fujimori für seine Bauten vorwiegend traditionelle Materialien wie Erde, Stein, Holz, Kohle, Baumrinde und Mörtel in möglichst unbearbeiteter Form, zudem lebende Pflanzen, die auf sein starkes Interesse an der Beziehung zwischen Architektur und Natur verweisen. Dieses naturnahe Vorgehen wird verbunden mit Prinzipien traditioneller (Handwerks-)Techniken und verdichtet sich so zu einem Gegenentwurf zur gängigen Architektur der Moderne. Diese stellt die Folge exzessiven Wachstums dar, trägt den Bedürfnissen einer stetig voranschreitenden Industrialisierung Rechnung, beeindruckt durch Größe und Kühnheit ihrer Formen, berührt den Menschen jedoch im Innersten nicht: » Die Architekturbewegung des 21. Jahrhunderts kann sich wahrscheinlich nur erneuern, wenn sie sich noch einmal auf den Ursprung dessen besinnt, was man Architektur nennt. Ich glaube, dass allein eine Architektur, die diesen Prozess durchläuft, wieder die Kraft gewinnen wird, die Körper und Seelen derjenigen Menschen zu berühren, die sie bewohnen.« (Fujimori, 2012)

Im Zuge der Planung weiterer Gebäude, wie etwa dem 1995 errichteten »Tanpopo-Haus (Löwenzahnhaus)« in Tokio oder dem 1998 entstandenen »Ipponmatsu-Haus (Haus der einsamen Kiefer)« in Fukuoka Stadt kristallisierten sich folgende Entwurfsprinzipien heraus, die grundlegend für Fujimoris Architektur bleiben sollten: seine Gebäude ähneln weder einem bereits bestehenden Stil irgendeines Landes noch den Werken irgend eines modernen Architekten; Errungenschaften moderner Wissenschaft und Technik werden für diejenigen Bereiche von Gebäuden verwendet, die nicht sichtbar sind; natürliche, möglichst wenig bearbeitete Materialien hingegen für Bereiche, die offen sichtbar sind, – in anderen Worten: Wissenschaft und Technik werden »in Natur eingewickelt«. Im Außenbereich werden nur Bambusgras oder Rasen gepflanzt und das bebaute Gelände wird nicht von der Umgebung abgegrenzt. Somit genügen Fujimoris Bauten ökologischen Kriterien und sind hoch energieeffizient, ohne dass der ökologische Aspekt dabei im Vordergrund stünde. Fujimori sieht den Schwerpunkt seiner Arbeit vielmehr im Umgang mit der visuellen Erscheinung und, im weiteren Sinn darin, sichtbar und harmonisch zwei Welten miteinander zu verbinden: die Welt der von Menschenhand geschaffenen Architektur und die Natur.

Internationale Bekanntheit erlangt Fujimori vor allem mit seinen Teehäusern, kleinen abgeschlossenen Räumen mit einer Feuerstelle, einem kleinen, niedrigen Eingang (dem » nijiriguchi«) , hergestellt aus schlichten und einfach zu beschaffenden Materialien, oftmals auf Pfählen in der Luft schwebend gebaut. Sie stellen eine Exemplifizierung minimaler Architektur dar und erlauben es ihm, nach der Essenz der Architektur sowie ihren Entwicklungsmöglichkeiten im 21. Jahrhundert zu suchen.

Insbesondere beim Entwurf von Teehäusern stellt Fujimori einer „unorganischen, glänzenden Abstraktion«, wie sie für die Bauweise der Gegenwart kennzeichnend ist, eine an früheren Kulturen orientierte „organische, rohe Abstraktion« gegenüber und grenzt sie somit ab vom Modernismus des 20. Jahrhunderts. Damit versucht er, der profanen Welt zu entkommen und in eine Welt des Spiels hinüber zu wechseln, in einen freien Raum, der das Gefühl der Unwirklichkeit vermittelt, obwohl seine Architektur in der Natur existiert. In der Ausstellung sind Zeichnungen, Modelle und Fotografien nahezu aller Teehäuser zu sehen.

Sein Freund und berühmter Architektenkollege Toyō Itō beschreibt dies wie folgt: »Architektur ist für ihn wahrscheinlich ein Wesen, das uns an die Existenz einer größeren Natur jenseits der Natur erinnert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Fujimoris Architektur nur möglich ist, weil es Menschen gibt, die seinen Traum teilen, zu einer größeren Natur zu fliegen, die vielleicht irgendwo jenseits der realen Natur existiert. Seine neue Abstraktion könnte die Denkweise verkörpern, in der die Wünsche heutiger Menschen zum Ausdruck kommen und die erforderlich ist, wenn wir von der Natur, die vor uns liegt, zu einer anderen Natur fortschreiten wollen.«

Eine zentrale Rolle in Fujimoris Architektur spielt daneben der soziale Prozess, der Architekten, Bauherren, Handwerker und Kunden als aktiven Teil des Entstehungsprozesses von Gebäuden sieht und auf die in gegenseitigem Austausch stattfindende Schaffung eines sozialen Raumes abzielt. Im Falle des für die Villa Stuck gebauten »Walking Café« waren beteiligt: Holzfäller im Forstenrieder Park, die Zimmerei Holzbau Schmid in Trostberg, Zimmererlehrlinge der Bauinnung München, Studentinnen und Studenten der TU München (Lehrstuhl Prof. Musso), Spengler, Schindelmachter, Seiler, Gürtler, Schmiede, Vergolder, Keramiker sowie, in der Endphase, ca. zwanzig Kinder, die anlässlich eines Workshops am 1. Mai zusammenkamen, um dem Teehaus im Garten der Villa Stuck, in Zusammen-arbeit mit Terunobu Fujimori, den letzten Schliff zu geben.

Von einer brennenden intellektuellen Neugier auf die Welt, nicht nur die Welt der Architektur, getrieben, ist Fujimori somit, indem er »rückwärtsschreitend vorwärts zu schreiten scheint« (Fujimori, 2012) Vorbild für eine junge, internationale Architektengeneration, die sich auf nachhaltiges, geschichts-bewusstes und gleichzeitig zukunftsfähiges Bauen im 21. Jahrhundert spezialisiert.