Start > Ausstellungen > Andrei Molodkin. Liquid Black - 21. Juni bis 16. September 2012

Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

Zur Ausstellung »Andrei Molodkin. Liquid Black«

Auf den ersten Blick sind Andrei Molodkins Arbeiten technisch hochkomplexe Apparaturen: Neonröhren in Acryltuben und mit Rohöl gefüllte Acrylröhren sind aneinander gekoppelt, Bilder wie auch Schriftzüge sind als Hohlformen in rechteckige Acrylblöcke eingeschlossen und werden als Negativformen mit Öl gefüllt, angeschlossen sind Schläuche, Pumpen und Kompressoren. Somit entstehen Installationen, die sich in ihrer Mechanik und Technik einer neuen Ästhetik öffnen.

Die Arbeiten werden in engem Austausch mit Technikern und Arbeitern in einer Fabrik in Südfrankreich gefertigt und knüpfen damit an den Grundsatz des russischen Produktivismus an, traditionelle Formen des Kunstschaffens durch die Arbeit mit industriellen Materialien abzulösen. Besonders augen-scheinlich wird dieses technische Moment in Molodkins Werk, das er eigens für das Alte Atelier entwickelt hat: »Sin Machine (Transformer No. VS566)« (2011) verbindet mit Öl gefüllte Tuben mit Neonröhren und bildet eine schwarz-weiße, offene Modulstruktur. Die Besucher können diese Anordnung in Form eines Kreuzes durchschreiten. Molodkins Absicht dabei ist es, das Bewusstsein des Besuchers zu radikalisieren. Stucks kreatives Zentrum, an sich ein bereits intensives Raumkonzept, verdichtet Molodkin noch einmal und entwirft eine Art Hochdruckkammer, in der sich künstlerische und seinem Werk immanente politische Bezüge ineinander auflösen und zu einem explosiven Gemisch werden.

Andrei Molodkins Arbeiten – eine faszinierende Mischung aus künstlerischer Vision und technischer Akribie – werden in der Ausstellung »Liquid Black« auch in den möblierten Wohnräumen Franz von Stucks gezeigt. Unmittelbar und direkt werden die Werke Molodkins mit den Historischen Räumen der Künstlervilla und den darin ausgestellten Gemälden Stucks konfrontiert. Damit knüpft die Präsentation an die Anfang der 1990er Jahre eingeleitete Serie von Ausstellungen an, in denen Künstler wie Sol LeWitt, Donald Judd oder Dan Graham sich jeweils mit Stucks Gesamtkunstwerk auseinandersetzten. In Molodkins Fall sind die Arbeiten, die von den Kuratoren für die möblierten Räume ausgewählt wurden, Stucks Malereien und Wandreliefs gegenübergestellt. Das beiden Künstlern gemeinsame Anliegen, antike und christliche Bildmotive neu zu kontextualisieren und groteske Darstellungen allgemeingültiger menschlicher Erfahrungen zu schaffen, wird hier herausgestellt. Molodkins durch »flüssiges Schwarz « gefärbte Plastiken verschmelzen mit Stucks dunklen, durch zahlreiche schwarze dekorative Akzente gekennzeichneten Interieurs und lassen diese gleichzeitig in einem neuen Licht erscheinen.

»Ein großer Teil von Molodkins eindeutig politischen Werken ist eine Antwort darauf, was der sowjetische Kritiker Osip Brik formalistisch die »Anforderungen der Zeitgenossenschaft« genannt hatte. Und so sind im Obergeschoss explizit politische Arbeiten Molodkins zu sehen – wie »Democracy« (2005), eine Arbeit, die durch den »arabischen Frühling« noch an geopolitischer Relevanz hinzugewinnt, sowie »Flag of Europe« (2008), eine mit Öl übergossene Fahne, die von der gescheiterten Utopie der Einigung Europas kündet. Ein Wirrwarr aus mit Öl gefüllten Schläuchen verbindet diese beiden Arbeiten mit der Skulptur »Das Kapital« (2008), einem Sinnbild des aktuellen Finanzkollapses und unserer gegenwärtigen finanziellen Krise. Die Videoinstallation einer enthaupteten Freiheitsstatue (»Liberty«, 2011), zeugt von den die Meinungsfreiheit »einschränkenden Maßnahmen«, die nach dem 11. September verhängt wurden.« (Margarita Tupitsyn, Victor Tupitsyn)

Einen unmittelbaren Bezug zur Kunst der russischen Avantgarde stellt Molodkin mit seiner Version von Malewitschs »Schwarzem Quadrat« von 1915 her. Im ehemaligen Schlafzimmer Mary Stucks ist in gleich drei Versionen diese Ikone neu interpretiert: Ein Gemälde, schwarzer Kugelschreiber auf weiß grundierter quadratischer Leinwand, zitiert die »Gitterstäbe« von »Transformer« gleichermaßen wie die Gitterstäbe des »Käfigs«, in welchem der russische Unternehmer und Kremlkritiker Michail Chodorkowski während seines Prozesses im Gerichtssaal saß. Zwei weitere schwarze Quadrate Molodkins sind wiederum hochkomplexe technische Installationen, die zum Einen mit Neonröhren auf Dan Flavin Bezug nehmen, zum Anderen mit Acryltuben und -blöcken, die mit Rohöl gefüllt sind, einmal mehr auf die geopolitische Bedeutung des Rohstoffs verweisen.

Den einzelnen Werken und Installationen werden Molodkins akribische wie raffinierte Zeichnungen, Skizzen und Entwürfe gegenüber gestellt. Im Gegensatz zur Produktion von Molodkins Installationen entstehen diese Zeichnungen während Atelierklausuren in Mischtechnik auf Papier wie auch auf »gehobenen« Materialien wie Leinwand unter Anwendung einer »trivialen« Kugelschreibertechnik.