Start > Ausstellungen > Mark Morrisroe - 1. März bis 28. Mai 2012

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Zu Leben und Werk Mark Morrisroes

Morrisroes Biographie ist zugleich schillernd und widersprüchlich. Er liebte es, Geschichten um seine Herkunft mit haarsträubenden Anekdoten auszuschmücken. So behauptete er zum Beispiel, Sohn des berüchtigten Boston Stranglers zu sein. Mit 16 Jahren zog er von zu Hause aus und prostituierte sich, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Bei einer Auseinandersetzung mit einem Freier wurde er durch eine Schusswunde lebensbedrohlich verletzt und hinkte fortan auffällig. 1985 zog Morrisroe Richtung New York, um dort sein Glück zu versuchen. Ein Jahr später wurde er HIV-positiv getestet. Die Krankheit führte in seiner künstlerischen Praxis zu neuen abstrakten Selbstbildern. Im Juli 1989 starb er mit nur 30 Jahren an den Folgen von Aids.

Morrisroe experimentierte bereits während seines Kunststudiums an der School of the Museum of Fine Arts Boston (1978-1982) mit verschiedenen Interpretationen von Vervielfältigung, dachte sich in mediale Möglichkeiten und deren inhärente Grenzen hinein und verwendete verschiedene ausgeklügelte Abzugsverfahren für seine fotografischen Abzüge. Die sogenannten »Sandwich«-Prints, Vergrößerungen von übereinander montierten Doppelnegativen des gleichen Sujets , führten zu einer komplexen, im Resultat ikonisch wirkenden Bildlichkeit. Hergestellt wurden sie in einer aufwendigen Prozedur, bei der Morrisroe das ursprüngliche Farbnegativ auf einen Schwarz-Weiß -Film kopierte, die beiden Negative aufeinander fixierte und sein Fotopapier durch dieses Negativ-»Sandwich« hindurch belichtete. Gebrochen wird diese Ästhetik durch Spuren einer gewollt auffälligen Retusche in kontrastierenden Farbtönen und ungestüme Schriftzüge auf dem Papierrand: Morrisroe integrierte Titel, Datierung und Edition in das Werk.

Retrospektiv sind Morrisroes Kunststudium in Boston und seine Jahre in der Punk- und Kunstwelt dieser Stadt wohl als seine zufriedenste und produktivste Zeit zu sehen. Hier entdeckte er einen positiven Zugang zu seiner Sexualität und fand mit Jonathan »Jack« Pierson seine erste große Liebe, die in vielen seiner Fotografien und Polaroids zu sehen ist. Hier entstanden die ersten intimen Porträts von Vertrauten wie Lynelle White, mit der er 1975/76 fünf Ausgaben des collagierten, kopierten und kolorierten Dirt-Magazins herausgab sowie viele seiner ersten selbstverliebten Inszenierungen vor der Kamera. Hier drehte Morrisroe in Anlehnung an sein Idol John Waters, mit Pia Howard als Hauptdarstellerin, den Low-Budget-Trashfilm Nymph-O-Maniac.

Allen Überlieferungen nach war Mark Morrisroe getrieben vom Wunsch nach Ruhm und Anerkennung. Rastlos und fordernd – immer auch sich selbst gegenüber. Sein Leben und sein Werk sind bis zum Ende, bis zu den in der provisorisch eingerichteten Dunkelkammer seines Krankenhauszimmers fieberhaft produzierten und selten gezeigten Fotogrammen, Zeugnis einer entgrenzten und rauschhaften Suche nach einer sinnlichen, ästhetischen und immer ambivalent aufgeladenen Bildwelt. So einnehmend, manchmal auch laut und verstörend sein Auftreten in der Öffentlichkeit und gegenüber Freunden sein konnte, so leise wurde es nach seinem Tod – um ihn und seine Fotografie.

Pat Hearn, Morrisroes Freundin aus Studienzeiten und spätere Galeristin, verwaltete den Nachlass ab 1989 mit großem Engagement. Doch im Jahr 2000 verstarb auch sie als einfühlsame Fürsprecherin seines Werks. Ihr Ehemann Colin de Land wandte sich 2002 an die Sammlung Ringier, um für die Zukunft des Nachlasses zu sorgen. Gemeinsam wurde entschieden, den Nachlass in Form einer Stiftung zu betreuen sowie das kuratorische Interesse und die Rezeption durch Ausstellungen und Publikationen zu fördern. Von 2002 bis 2004 wurde der Nachlass von der Sammlung Ringier sukzessive angekauft und befindet sich seit 2006 am Fotomuseum Winterthur, wo die circa 600 Farbabzüge, 600 Silbergelatine-Abzüge, rund 800 Polaroidaufnahmen, Negative, Kontaktabzüge sowie ein Teil der persönlichen Schriftstücke durch die Sammlung Ringier am Fotomuseum Winterthur inventarisiert und wissenschaftlich erforscht wurden.