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Die Kulisse explodiert. Frederick J. Kiesler, Architekt und Theatervisionär

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Die nach immenser Vielfalt drängende Gestaltungskraft Kieslers, der seine Visionen, als echter Innovator der Kunst des 20. Jahrhunderts, auf alle Lebens- und Kunstbereiche erstrecken wollte und seinen Gestaltungsradius als erbitterter Feind eines überholten, einseitigen künstlerischen Spezialistentums ständig erweiterte, kann auf einen einzigen Generalnenner zurückgeführt werden: Der Antrieb, der alle Ideen und Projekte von Kiesler befeuert, ist ein theatralisches Moment. Um nur ein Beispiel dafür zu nennen, sei auf seine bekannteste Formschöpfung, sein »Endless House«, verwiesen. Dieses kann archaische Höhlenform, eine Art Urbehausung für den Menschen, aber auch Uterusform sein, voll tiefenpsychologischer Inhalte. Was es nicht sein will, ist eine rationale, technisch optimierte Zweckform, in der der Mensch nach ökonomischen, hygienischen und sozialen Vorgaben zweckdienlich untergebracht ist. In Kieslers »Endless House« sollen die archaischen Bedürfnisse, die jeder, auch der noch so zivilisierte Mensch in sich trägt, befriedigt werden. Hier soll er Glück und Frieden finden. Sein mit derartigen Inhalten und Verheißungen aufgeladenes »Endless House« repräsentiert somit eine eminent theatralische Form, in der das Leben der Bewohner nach dramaturgischen Zielvorgaben funktioniert. Kiesler, der große Theatraliker, der seine Karriere im Theaterbetrieb der 1920er Jahre begann, sollte alle Gestaltungsbereiche, derer er sich im Laufe seines Lebens annahm, wie Architektur, Design, Malerei oder Skulptur, mit seinen phantasievollen, nie erlahmenden theatralischen Gesten bereichern, neu akzentuieren und revolutionieren.

Wie ein roter Faden zieht sich das theatralische Schaffen Kieslers durch sein vielfältiges Werk. Das Theater begleitet Kiesler sein Leben lang, es ist seine persönlichste Schaffensquelle, aus der er auch für andere, theaterfremde Gestaltungsbereiche Anregungen schöpft. In der Ausstellung wird die enge Symbiose Kieslers mit dem Theater zum Hauptthema. Zum ersten Mal ist der Focus auf Kieslers Theaterarbeiten gerichtet – auf seine innovativen Leistungen auf dem Gebiet der Theaterkunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig wird auf die jeweiligen »turning points« verwiesen, an denen eine theaterbezogene Arbeit plötzlich übergeht in eine Werkgruppe, die mit Theater nichts mehr zu tun hat. So mutiert zum Beispiel seine Idee der »Raumbühne« zur Vision einer im Raum schwebenden »Raumstadt« (1925). Und 1933 taucht im »Space House«, einem utopisch anmutenden Hausprojekt Kieslers, der Begriff wieder auf. Auch in vielen seiner Ausstellungsgestaltungen, die er im Laufe seines Lebens für New Yorker Galerien schuf, zeigt sich seine szenische Gestaltungskraft. So zum Beispiel in der surrealistisch inszenierten Ausstellung »Blood Flames 1947« für die Hugo Gallery, die als Beispiel seines extrem theatralischen Zugangs zur Ausstellungsinszenierung an Hand von Entwürfen in der Ausstellung gezeigt wird. Kieslers wohl legendärste und innovativste Ausstellungsgestaltung, Peggy Guggenheims Galeriemuseum »Art of this Century«, New York 1942, fand wiederum Niederschlag in Kieslers »Space Set«, einem System aus konkaven und konvexen Elementen, das er 1948 als universelles Ausstattungssystem für die Juilliard School of Music kreierte.

Ein in dieser Ausstellung zum ersten Mal gezeigtes Arbeitsfeld Kieslers umfasst drei Storyboards, die er in den 40er und 50er Jahren zeichnete bzw. schrieb. Für die beiden surrealistisch geprägten Filmdrehbücher »Ballet Massacre d’Art« und »Aphrodite’s Left Turn« fand sich damals kein Produzent. In seinem gleichfalls nicht realisierten Storyboard zum Film »World House Galleries« – Kiesler entwarf 1957 gemeinsam mit seinem Partner Armand Bartos die Innenarchitektur der »World House Galleries« – entspinnt sich ein imaginärer Dialog zwischen einem Architekten und einem Galeriebesucher, der sich über die gebogenen Wände und Decken dieser Galerie nur wundern kann. Im Laufe des Dialogs entfaltet sich das Kieslersche Architekturuniversum in seiner gesamten Größe und Originalität.

Als eine der frühen Expertinnen, die sich mit dem Schaffen Frederick Kieslers beschäftigt hat, wurde Dr. Barbara Lesák 2009 durch das Österreichische Theatermuseum mit der Konzeption der aktuellen Ausstellung beauftragt. Vor allem von Kieslers Theaterschaffen fasziniert, setzte sie ihren kuratorischen Schwerpunkt auf sein Theateroeuvre.