Start > Ausstellungen > Im Tempel des Ich. Das Künstlerhaus als Gesamtkunstwerk | ENGLISH

Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

Im Tempel des Ich

Zur Ausstellung

Künstlerhäuser spiegeln als Schatzhäuser der Kreativität die geistigen Welten ihrer Schöpfer wider. Erstmals wird der Typus des vom Künstler selbst entworfenen oder maßgeblich gestalteten Hauses in einen internationalen Kontext gestellt. 20 europäische und amerikanische Beispiele lassen die Faszination lebendig werden, die derart sichtbar Gestalt gewordene Künstlerphantasien bis heute auf den Menschen ausüben. Bei aller Individualität repräsentieren sie die in der Zeit zwischen 1800 und 1948 vorherrschenden Ideen, Stile und Epochen. Als Spiegel der Aura des Künstlers ist das Künstlerhaus seit der Renaissance sichtbares Zeichen des Berufsstandes wie auch des gesellschaftlichen Anspruchs und Erfolgs. Im internationalen Austausch, aber auch in der Konkurrenz der Künstler untereinander, spielen ihre Häuser eine wichtige Rolle und zählen zu den bedeutendsten Werken ihrer Erbauer.

Video: Impressionen von Vernissage & Preview

Im 19. Jahrhundert erfährt die Legende des Künstlers als Verkörperung des von der Renaissance postulierten Universalkünstlers eine Wiedergeburt; der Geniekult huldigt dem schöpferischen Genius. Das Künstlerhaus ist Demonstration der Persönlichkeit des Künstlers, gleichsam seine »zweite Haut«. Als architektonisches Selbstporträt, unbewusst entstandenes Abbild seiner selbst und Wesensausdruck des menschlichen Charakters, steht es stellvertretend für den Künstler, ist ihm anverwandtes Abbild und Konstrukt seines Ich. Dabei erfüllt es zahlreiche Funktionen und Bedürfnisse: Es ist Haus, Atelier und Schöpfungsort, künstlerisches Experiment, Inspiration und Kulisse, Kunstwerk. Es dient als Galerie und »Showroom«, mutiert zum Tempel, Heiligtum, Museum, vorzeitigen Kenotaph und Mausoleum. Künstlerhäuser sind Orte der Erinnerung und Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. Nicht selten sind sie umfangen vom Zauber des Geheimnisvollen, Ungewöhnlichen und Fremdartigen, dem ein magisches Charisma innewohnt.

Die Auswahl umfasst sowohl berühmte existierende Künstlerhäuser als auch verloren gegangene, zerstörte und vergessene Projekte, die in ihrer Zeit von einzigartiger Bedeutung waren und bis heute faszinierende Strahlkraft besitzen, darunter Neuentdeckungen, die bislang Architekten zugeschrieben wurden. Zu sehen sind die Häuser bildender Künstler und weniger Künstler-Architekten, die von diesen bis ins Detail selbst entworfen wurden und zu ihren bedeutendsten Schöpfungen zählen. Sie werden nicht als Phänomene der Architekturgeschichte, sondern erstmals im Kontext der Werke dieser Künstler präsentiert. In ihnen realisiert sich der Künstler nicht nur als genialer Regisseur grandioser Inszenierungen, sondern als Entdecker und Schöpfer neuer Lebenswelten.

Ausgewählte Werke der Künstler, die in engem Zusammenhang mit den Häusern stehen, sowie Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Pläne und Werke der angewandten Kunst, zeichnen in der Ausstellung ein lebendiges Bild vom Einklang zwischen Kunst und Leben und einer Harmonie der Künste, die sich im historischen Begriff des Gesamtkunstwerks nach Richard Wagner widerspiegelt. Dabei geht es in diesem Zusammenhang nicht um eine Definition des Begriffs Gesamtkunstwerk, sondern um ein Gefühl: die Sehnsucht nach Individualität und Ganzheit, welche die Kunst des 19. Jahrhunderts und der Moderne prägt und im Haus des Künstlers idealtypischen Ausdruck gefunden hat.

Diese Sehnsucht ist – unabhängig vom künstlerischen Erfolg und den finanziellen Mitteln – bis heute ungestillt. Das Künstlerhaus als Gesamtkunstwerk bleibt somit als Ausdrucksform unerschöpflich.