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Der Stachel des Skorpions

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In der Ausstellung »Der Stachel des Skorpions« setzen sich die sechs beteiligten Künstlerinnen und Künstler bzw. Künstlergruppen, ausgehend vom jeweils eigenen künstlerischen Ansatz, mit Buñuels radikalem Film »L’Âge d’Or« auseinander. Der intensive Austausch zwischen den beteiligten Künstler/innen war Grundlage des Prozesses. Er wurde während eines gemeinsamen Aufenthalts an den spanischen Drehorten von »L’Âge d’Or« angestoßen.

Mit den Mitteln des Rückverweises auf diese Ikone des Surrealismus sind heutige gesellschaftsdynamische Entwicklungen fokussiert neu zu bewerten. Erfahrbar wird dies in einem Ausstellungsparcours, der den Spagat zwischen sechs ganz unterschiedlichen künstlerischen Arbeiten und einem zusammenhängenden, miteinander verwobenen Gruppenprojekt wagt. Die installative Präsentation der einzelnen Filmbeiträge ist dabei in einen Parcours eingewoben, der mit seinen alten,
wiederaufbereiteten Kinostühlen wie ein fragmentiertes Kino wirkt.

Der Bezug auf »L’Âge d’Or« belebt nicht nur die Neubewertung dieses Films, zumal dieser 50 Jahre Aufführungsverbot hatte und in dieser Zeit nur heimlich in Avantgardekreisen gezeigt wurde, sondern ermöglicht einen neuen Blick auf den internationalen Künstleraustausch und dessen Potenzial für die Betrachtung von gesellschaftlichen Fragestellungen.

L'Âge d'Or von Luis Buñuel

»Die bürgerliche Moral ist für mich Unmoral, die man bekämpfen muss; diese Moral, die sich auf unsere äußerst ungerechten sozialen Institutionen wie Religion, Vaterland, Familie, Kultur gründet, überhaupt, was man so die Pfeiler der Gesellschaft nennt.« (Luis Buñuel)

Luis Buñuel und Salvador Dalí lernten sich Mitte der 1920er-Jahre kennen, als beide als Studenten in der Residencia de Estudiantes in Madrid lebten. Zahlreiche weitere Bewohner der Residencia sorgten für einen lebhaften intellektuellen Austausch, der prägend war für eine ganze Generation. Zu ihnen gehörten u.a. der Schriftsteller Federico García Lorca und der Biochemiker Severo Ochoa. 1928 fiel in Figueres, Nordspanien, Heimatstadt von Dalí, der Startschuss für den gemeinsamen Film »Un chien andalou« (Ein andalusischer Hund). Die öffentliche Uraufführung des Films, der als erster filmischer Höhepunkt des Surrealismus gilt, erfolgte im April 1929.

Mit »L’Âge d’Or« setzte sich zunächst die Zusammenarbeit zwischen Dalí und Buñuel fort. Die Regie wurde aber, nach einem Zerwürfnis zwischen beiden, von Luis Buñuel allein geführt. Die Produktion des Films wurde gefördert durch den Vicomte de Noailles, der von Beginn an jedwede Freiheit ermöglichte. Ein umfassender Briefwechsel belegt den regen Austausch zwischen Buñuel und de Noailles. Die Arbeiten beginnen 1929, Drehorte sind die nordspanische Küste bei Figueres und Schauplätze in Frankreich. Die Uraufführung erfolgte 1930 im Pariser Studio 28. Nach wenigen, stets ausverkauften Aufführungen, stürmten rechtsradikale Gruppen im Dezember 1930 das Kino und zerstörten eine begleitende Ausstellung mit Werken zahlreicher surrealistischer Künstler. Die französische Polizei beschlagnahmte den Film, der daraufhin verboten wurde und erst seit den 1980er- Jahren wieder öffentlich aufgeführt werden darf.

»L’Âge d’Or« beginnt im Stil eines Dokumentarfilms. Buñuel verwendet Archivmaterial und Zwischentitel, in denen er sich auf den französischen Entomologen Jean-Henri Fabre (1823–1915) bezieht, um die Lebensweise des Skorpions zu illustrieren. Bizarr und aggressiv mutet dieser Anfang an und setzt damit auch den Grundton für den weiteren Verlauf des Films. In der nächsten Szene findet sich der Zuschauer konfrontiert mit einer Gruppe von Bischöfen, die auf einer kargen Insel eine Messe
zelebrieren. Ein kurzes Intermezzo zeigt eine Gruppe von Banditen, deren Anführer von Max Ernst gespielt wird. Unvermittelt sind nach dieser Szene nur mehr die Skelette der Kirchenvertreter in ihren prachtvollen aber hohlen Kostümen zu sehen, während anschließend eine Festgesellschaft in edlen Gewändern die Insel bevölkert, um ein gemeinsames Zeremoniell abzuhalten.

Es folgt der Auftritt der beiden Hauptdarsteller, die Unruhe in die Szenerie bringen: Gaston Modot und Lya Lys geben das Pärchen, das sich ungeachtet der sie umgebenden Menschen lautstark seinem Liebesspiel hingibt. Es folgt die Entrüstung der Gesellschaft, das Paar wird getrennt, Modot wird abgeführt.

»Buñuel lässt in dieser Szenenfolge alles aufmarschieren, was er hasst. Es ist ein schwer entwirrbares Konglomerat aus heuchlerischem und bigottem Großbürgertum, verlogenem Nationalismus und natürlich institutionalisiertem Katholizismus als ideologischem Überbau. Der Film wird dieses etablierte Bürgertum im Folgenden mit zunehmender Schärfe attackieren.« (Siegfried König)

Mit dem Erscheinen von Modot und Lys findet sich der Zuschauer inmitten einer »Amour fou«, die die folgenden Szenen des Films, eine wiederum festliche Gesellschaft auf einem herrschaftlichen Sitz, bestimmt. Vorher noch ist Modot damit beschäftigt, sich aus den Händen seiner Bewacher zu befreien, nachdem er vorher blindlings gewütet hat, einen Blinden mit Schlägen malträtiert und einen Hund auf dem Bürgersteig heftig getreten hat. Ohne auf Konventionen oder bürgerlichen Anstand zu achten, versuchen die Liebenden, während der Feier zueinander zu kommen, getrieben von besinnungsloser Begierde und Leidenschaft. Im Schloss kommt es zu Tumulten, ein Kind wird erschossen, die Mutter der Geliebten wird geohrfeigt. Während die Gesellschaft die Ermordung des Kindes durch seinen Vater, einen Bediensteten, ungerührt hinnimmt, ist der Sturm der Entrüstung über die Ohrfeige in den »hohen Kreisen« enorm.

Das Liebespaar scheitert auch in der nächsten Szene an einer Vereinigung, spirituell und sexuell. Das Scheitern der Liebe, des extremen Begehrens, zeigt Buñuel als fast karikaturhaften Versuch der beiden, sich zu berühren, sich zu küssen. Surreale Bilder untermalen dieses Scheitern, körperliche Verletzungen, Hände ohne Finger; das Verlangen läuft ins Leere. Der Mann wird abgerufen, seine Gefährtin kann sich nur mit dem Zeh einer Statue im Park trösten, den sie leidenschaftlich lutscht.

Wieder schlägt Modots Verhalten in Aggression um, er zerstört sein Zimmer, steckt es in Brand, wirft einen Bischof, Kissen, einen brennenden Baum und eine (Stoff-)Giraffe aus dem Fenster. Die letzte Szene bezieht sich auf »Die 120 Tage von Sodom« des Marquis de Sade. Zwischentitel erläutern, dass eine vierzigtägige Orgie auf dem Chateau de Selligny mit dem Tod von acht jungen Mädchen endete. Männer wanken entkräftet aus dem Tor, ihnen folgt eine blasse, offensichtlich entrückte Christusfigur. Ein Kruzifix mit den Skalpen der ermordeten Mädchen ist das Schlussbild des Films. Noch einmal und stärker als in den Szenen zuvor, setzt Buñuel unverhohlen einen Angriff auf die Kirche, den heuchlerischen Katholizismus, der Buñuel von Kindesbeinen an geprägt hat.

L'Âge d'Or
Frankreich 1930, 35mm, Länge 63 Minuten
Buch: Luis Buñuel und Salvador Dalì
Regie: Luis Buñuel
Produktion: Charles und Marie-Laure de Noailles
Kamera: Albert Duverger
Musik: Georges van Parys (Mendelssohn, Beethoven, Debussy, Wagner, »Paso Doble« und die
»Trommeln von Calanda«, Aragon)
Mit: Gaston Modot (Mann), Lya Lys (Frau), Germaine Noizet (Marquise), Ibañez (Marquis), Lionel Salem (Duc de Blangis), Caridad de Laberdesque (Zimmermädchen), Max Ernst (Banditenchef), Pierre Prévert (Péman) u.v.a.
Erste Aufführung: 30. Juni 1930 in den Räumen von Charles und Marie-Laure de Noailles
Erste Aufführung für geladenes Publikum: 22. Oktober 1930, Cinéma Le Panthéon, Paris
Erste öffentliche Aufführungen: 28. November bis 10. Dezember 1930, Studio 28, Paris
Die Originalkopie des Films befindet sich seit 1989 im Bestand des Musée national d'art moderne, Centre Georges Pompidou.

Der Film wird am Donnerstag, 1.5.2014, um 19 Uhr im Filmmuseum München gezeigt. Programm: »L’Âge d’Or« (Das goldene Zeitalter), F 1930, Luis Buñuel, 63 min (OmeU) und »Dreams that money can buy« (Träume zu verkaufen), USA 1947, Hans Richter, 83 min (OF), mit einer Einführung von M+M.