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Common Grounds

Künstlerinnen und Künstler

Hazem Harb (geb. 1980) beschäftigt sich in unterschiedlichen Medien mit dem Zusammenhang von Geschichte und Architektur. In Raumarbeiten hinterfragt er bestehende Machtgefüge und mögliche Schichten der Interpretation. Seine aus sechs rechteckigen Formen bestehende Wandarbeit »Till The End« (2014) visualisiert Durchlässigkeit und hermetische Abgeschlossenheit. In den starkfarbigen, geometrisch-abstrakten großformatigen Werken »Al Baseera« (2013) untersucht Harb Sehgewohn-heiten, die zwischen Einflüssen westlicher Kunst und Tradition changieren.

Susan Hefuna (geb. 1967) verfolgt ein künstlerisches Interesse für öffentliche Räume und deren Bedingungen. In der Ausstellung zeigt sie die 16-teilige Gruppe der »Red Buildings« (2012) sowie die 30-teilige Gruppe »Sharjah Ceilings« (2012). In mehrern Lagen transparenten Papiers zeichnet Susan Hefuna Linien, deren Geflecht entweder Wege im öffentlichen Raum von Städten beschreiben oder Innenräume repräsentieren, mit deren Strukturen sie sich intensiv auseinandergesetzt hat. Die Kuben der 70-teiligen Installation »Afaf« (2014) wurden nach einer alten Handwerkstradition des Nil-Deltas aus Palmholz angefertigt. Diese Körbe kennzeichnen als Verkaufsstände den öffentlichen Raum in Kairo. In vier Vitrinen, den »Vitrines of Afaf« (2007), zeigt Hefuna Erinnerungsstücke von vier unterschiedlichen Frauen. Sie sind Stellvertreter der persönlichen Geschichte von Frauen, die in der Gesellschaft und im öffentlichen Raum Ägyptens nicht sichtbar sind.

Die Stellung der Frau in Ägypten ist in Sophia Al Marias (geb. 1979) Video-Installationen ebenfalls impliziert. In ihrem ersten, unvollendeten Film »Beretta« sollte es um eine junge Frau gehen, die sich an ihren Peinigern rächt. Die Hauptdarstellerin Dina Sherbini wurde vor Fertigstellung der Arbeit verhaftet. »Class A« (2014) ist eine Hommage an Dina Sherbini, in facettierten Aufnahmen wird das charismatische Gesicht der Schauspielerin in einem Interview gezeigt. Al Maria versuchte in einem Casting Ersatz zu finden. Diese Szenen sind in ihrem Werk »Class B« versammelt.

Die reale Geschichte eines Beiruter Fotografen nehmen Joana Hadjithomas und Khalil Joreige (beide geb. 1969) als Ausgangspunkt ihrer mehrteiligen Serie »Wonder Beirut« (1997–2006). In verschiedenen abstrahierten Ebenen gehen sie der Kriegszerstörung der libanesischen Stadt nach. Hadjithomas und Joreige sind Bewahrer von Bildern, die das kollektive Gedächtnis Beiruts prägen. Die Bilder stammen von dem Fotografen Abdalah Farrah und wurden 1968 als Postkarten veröffentlicht, die Beiruts Modernität und Internationalität vorstellten. Nach Ausbruch des Bürgerkriegs glich Farah seine Negative an das Bild der Wirklichkeit an. Neben dem historischen und dem plastischen Prozess, den Farrah vornimmt, ist es der Ansatz des latenten Bildes, mit dem das Künstler-Duo verdeckte Geschichte aufdeckt. Latente Bilder sind noch nicht entwickelte Bilder eines Films, sie sind nicht sichtbar, sind aber Zeugnisse einer vergangenen Zeit.

Poetisch und vielschichtig ist Bouchra Khalilis Film »Garden Conversation« (2014). Die Unterhaltung zwischen den Freiheitskämpfern Ernesto »Che« Guevara und Abdelkarim Al Khattabi (1882–1963), Protagonist des Rifkrieges, – im Film dargestellt von einem Mann und einer Frau – entpuppt sich als vielschichtige Struktur, die geschichtliche, geographische, sprachliche und visuelle Bedingungen hinterfragt. Khalilis Suche nach individuellen Geschichten, die eine allgemeingültige Aussage über unsere Gesellschaft zulassen, beinhaltet auch ihre zweite Arbeit »The Constellations« (2011). In diesem Projekt erzählen acht Emigranten von ihrer Flucht, indem sie ihren beschwerlichen Weg auf einer Landkarte einzeichnen. Orte rücken in das Zentrum, die sonst abseits gewöhnlicher Reisen stehen.

Um Lesbarkeit und Verständnis geht es Nasser Al Salem (geb. 1984) auf eine differenzierte Art und Weise. Seine Spiegelarbeit »And Also In Your Own Selves, Do You Not See?« (2012) wirft den Betrachter auf sich selbst zurück. Mit Anklängen an Minimal Art und die Tradition von Spiegelobjekten des mittleren Ostens vereint Nasser Al Salem Kalligraphie mit einer Formensprache der modernen westlichen Kunst. Als ausgebildeter Kalligraph und Architekt ist er eng mit der Tradition seiner Heimatstadt Mekka verwurzelt. In der Skulptur »They Will Be Seen Competing In Costructing Lofty Buildings« (2014) nutzt er Bauklötze aus Beton, um einen arabischen Schriftzug zu bilden, der erst in der Aufsicht lesbar wird. Beton als Werkstoff der Moderne fügt dem Satz eine weitere Bedeutungsebene zu.

Ahmed Mater (geb. 1979) hinterfragt in beeindruckenden Werkgruppen das kollektive Bildgedächtnis und deren Struktur. Er wuchs in Abha im Süden Saudi-Arabiens auf. Er lebt und arbeitet als praktizierender Arzt und Künstler in Jeddah. Die Veränderung der Heiligen Stadt Mekka ist Sujet zweier Werkgruppen, die er in der Ausstellung zum ersten Mal in Deutschland zeigt. Die Verbreitung von Bildern in Zusammenhang mit der heiligen Stadt und der großen Pilgerfahrt, dem Haddsch, dient Mater zur Hinterfragung von gesellschaftlichen Prozessen. Die Installation »View Masters and Slide Projectors« (1960–1980 / 1980–2000 / 2000–2020) zeigt Aufnahmen aus drei kleinen Geräten (sogenannten »Guckis«), mit denen man Dias, meist Sehenswürdigkeiten, betrachten kann. Während des Haddsch als Andenken gekauft, verbreiten diese den Mythos der Stadt. Mater stellt die einzelnen Dias als fotografische Abzüge aus, die einen nostalgischen Blick auf die zentralen Orte der Stadt aber auch auf strukturelle Phänomene geben, die die Pilger in ihrer Masse bilden. Die dynamische und rasante Veränderung, der Mekka unterliegt, geht einher mit dem Verlust tradierter Orte. Diese veränderten Strukturen hält er in seinen Fotografien der Serie „The Desert of Pharan“ (2012–2013) fest.

Dor Guez (geb. 1980) bewahrt ebenfalls Bilder vor dem Vergessen und bietet ein individuelles Narrativ an. Innerhalb von Guez’ Konzept steht ein komplexes Bezugssystem. Die Arbeit »The Sick Man of Europe: The Painter« (2015) verbindet Ansätze von Dokumentation und Sichtbarmachung persönlicher Geschichte. Der Maler D. Guez ist Protagonist des Films, er trägt denselben Nachnamen und Initial des Vornamens wie der Künstler selbst. Der Film gibt ein Gespräch zwischen beiden wieder. Die Werke des Malers sind Reproduktionen, sogenannte Scanogramme, aufwendig hergestellte Abzüge der originalen Bilder des Malers. Dor Guez ist dabei mehr an den Spuren der Geschichte interessiert als an dem Motiv des Bildes an sich.

Der wissenschaftliche Anspruch, die Möglichkeiten des öffentlichen Raums und die Neunutzung von Gebäuden sind Aspekte der Arbeitsweise von DAAR – Decolonising Architecture Art Residency (gegründet 2007 in Palästina von Sandi Hilal, Alessandro Petti und Eyal Weizmann). Ihre Arbeiten thematisieren gesellschaftliche und politische Systeme der Kontrolle und Trennung im Nahen Osten, in Israel und dem palästinensischen Gebiet. In der Ausstellung wird das Projekt »Lawless Line« vorgestellt, das die Aufteilung Palästinas von 1937 auf der Landkarte mittels eingezeichneter Linien behandelt. Die Transformation der Linie zur realen Grenze und die damit einhergehenden juristischen und gesellschaftspolitischen Probleme werden dargelegt.

Auch Babak Golkar (geb. 1979) nimmt auf räumliche Strukturen Bezug. Für die Ausstellung »Common Grounds« hat er eine neue Arbeit entwickelt, »Loos Opium Den – Center for Non-Strategic Reflections on Modernization« (2015), die den globalen Handel thematisiert. Der historische Handelsweg der Seidenstraße, der Ost und West verband, wird durch den Container-Schiffsverkehr und die enormen logistischen Herausforderungen zum weltweit umspannenden Netz ökonomischer, politischer und kultureller Waren. Der Container als industriell gefertigtes Produkt beinhaltet Waren, die keine Grenzen kennen. In Golkars Konzept wird der Standardcontainer zum Ort des Austausches von Ideen.

Das Ornamentale wird bei Parastou Forouhar (geb. 1962) zum Signum von Totalitarismus. Die großformatige Schmetterlingstapete (2015) entwarf die Künstlerin für das Museum Villa Stuck und füllt eine komplette Wand des ehemaligen Malerateliers Franz von Stucks. Bei näherem Hinsehen wird die Schönheit der Schmetterlinge überlagert von Details der Grausamkeit. Forouhar setzt die Schmetterlinge aus Folterszenen zusammen. Das hinter einer schönen Oberfläche Verborgene wird zum Albtraum. Das Ornamentale zeigt die Allmacht, das Individuum tritt dahinter zurück und ist dem Ornament untergeordnet. Die Künstlerin bezieht zudem ihre persönliche Geschichte in ihre Arbeit mit ein. Der gewaltsame Tod ihrer Eltern, Parvaneh und Dariush, im Jahr 1998 ist Movens dieser Werkgruppe.

Der öffentliche Raum wird von Abbas Akhavan (geb. 1979) durch Stellvertreter visualisiert. Seine »Studies fo a Hanging Garden« (2013–2014) zeigen die Bronzeabgüsse von Pflanzen, die nur zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris wachsen. Akhavan breitet die Pflanzen auf weißen Leinentüchern aus. Die Anordnung wirkt wie eine archäologische Studie – und ist in diesem Anspruch auf Bewahren auch künstlerische Aussage. Die von Akhavan ausgewählten Pflanzen sind in ihrem natürlichen Lebensraum nicht zuletzt durch den Irakkrieg bedroht.