Start > Vermittlungsprogramm > Veranstaltungen

Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

Do, 4. November 2010, 20.00 Uhr

VOM JUGENDSTIL ZUR BIONIK: Die belebte Natur als Inspirationsquelle für zeitgenössisches Design

Vortrag von Prof. Axel Thallemer

Wirk- und Wachstumsprinzipien der Natur dienen heute als Anregung für Fragen industrieller Formgebungen. Gestalt schaffen heißt dabei nicht, Naturformen nachzustellen oder zu kopieren, sondern als Inspirationsquelle zu nutzen: Im Technologiedesign entwickelt sich Bionik immer mehr zur Konstruktionsphilosophie des 21. Jahrhunderts.
Prof. Axel Thallemer leitet seit 2004 den neuen Studiengang Industrial Design »scionic®« (= SCIence and biONICs) an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz, in dem versucht wird, aus Vorbildern der Natur – wissenschaftlich forschend – Inspirationen für das Design zu generieren.


Exzerpt aus den Thesen von Prof. Axel Thallemer
Design ist ein mittlerweile negativ belegter Begriff, weil damit eher Konsumgüter assoziiert werden, die zwar teurer als die Konkurrenzprodukte sind, dafür jedoch schlechter funktionieren und meist weniger lange als jene halten. Design soll dann in einer quasi-intellektuellen gesellschaftlichen Nische dem persönlichen Statusdenken greifbaren Ausdruck verleihen. Design ist längst nebst einschlägiger Auszeichnungen als Werbemittel zum Abverkauf oder Marketing nicht mehr ganz so innovativer Technik verkommen. Oder aber es werden darunter Möbel, Wohnaccessoires und Dinge, die man nicht wirklich zum Leben benötigt, verstanden. Wie viele neue Stühle, Regale, Kerzenleuchter und Korkenzieher, Pfeffermühlen etc. bis hin zu Nippes brauchen wir heute wirklich noch? Demokratisches Design in Form von Formaldehyd und Kinderarbeit, produziert über Schwellenländer? Ist es nicht nachhaltig, länger oder sogar generationsübergreifend Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände zu nutzen, statt ideologisch verbrämt zu glauben, das Neue sei immer besser? Die Weltfinanzkrise hat doch wieder gezeigt, dass unser Wirtschaftssystem des stetigen Wachstums das eigentliche Problem darstellt. Die Natur hingegen befindet sich meistens im Fließgleichgewicht. Design hat sich längst intellektuell auf mehr oder weniger modisches Behübschen von Oberflächen verlegt und in verschiedene Richtungen zwischen subjektivem Autorendesign und „freier“ Design-Kunst weiterentwickelt.

Doch ganz im Sinne eines Renaissance-Ansatzes ginge es auch ohne Trennung Angewandter, Bildender und Darstellender Künste. Durch die wissenschaftliche Analyse natürlicher Vorbilder lassen sich Auslöserereignisse generieren, die durch induktives Schließen neue Antworten auf altbekannte Fragestellungen liefern. Das ist zwar nicht der allein richtige Lösungsweg für Probleme der Produktneuheitenentwicklung, bietet aber eine Alternative zum klassischen Ingenieursdenken und einen anderen Zugang zu Dingen. Dadurch, dass nicht auf der phänomenlogischen Ebene das natürliche Vorbild direkt kopiert wird, kann die visuelle Verschiedenheit des menschlichen Artefaktes zur Natur fast schon als Lösungsziel über den Abstraktionsgrad gesehen werden. Bionik hat sich nämlich analog zum Design-Begriff ähnlich inhaltlich aufgelöst, indem eher Biomimikry betrieben wird. Das ist bis hin zu bio- oder zoomorpher Architektur ablesbar und zeigt, dass auch dort rein formale Gestaltung über inhaltlicher steht. Dabei lassen sich menschliche Artefakte über deren Zweckbestimmung, daraus abgeleiteter Materialwahl und Fertigungsverfahren, umwelt- und nutzenverträglich gestalten. Anhand realer Beispiele soll im Kontext von Investitionsgütern gezeigt werden, dass es noch genug Problemstellungen im industriellen Umfeld gibt, deren nachhaltige Verbesserung – auch von Prozessen – der Menschheit und dem Individuum mehr Lebensqualität brächte, als bloße Verschönerung. Was besser dem intendierten Zweck dient, wird auch häufig quer über alle kulturellen Unterschiede hinweg als schön und ästhetisch wahrgenommen. Das ist ein großer Unterschied zu Moden. Hier wird jedoch weder eine Funktionalismusdebatte wieder aufgelegt, noch für einen Utilitarismus plädiert, sondern für Zweckform inspiriert von Vorbildern aus der belebten Natur.

© Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Axel Thallemer, München


AXEL THALLEMER , geboren am 08/08/1959 in München-Schwabing / Oberbayern.

Studierte Wissenschaftstheorie, Logik und theoretische Linguistik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, erlangte an der Akademie der Bildenden Künste München den Grad „Diplom-Ingenieur“. DAAD Postgraduierten-stipendium in Business, Public Relations und Psychologie für den unternehmerischen Designer an der NYSID, New York City / Manhattan, USA. Ab 1999 Professur für Computer Aided Industrial Design an der Fachhochschule München. Seit 2003 Professur für Technisches Design an der Hochschule für bildende Künste, Hamburg. Ab 2004 Leitung des Studienganges Industrial Design in Linz, Oberösterreich, dort Neuausrichtung unter der Marke „Scionic®“. Gastprofessuren an der Universität von Houston, Texas, USA sowie an den Akademien für Bildende Künste und Design in Guangzhou, Canton, der Tsinghua Universität Peking, China und der Shih-Chien University, Taipei, Taiwan als auch der Nanyang Technological University, Singapur.

Erstes Engagement in einer Hamburger Marken- und Identity-Agentur, anschließend 5 Jahre als Design-Ingenieur im Styling Studio der Porsche AG am Forschungs- und Entwicklungszentrum Weissach. Dort initiierte er u. a. die Einführung des Computer Aided Styling Prozesses. 1994 Gründung und Leitung von Festo Corporate Design für langlebige Investitionsgüter und Komponenten der Industrieautomatisierung. Ab 2004 selbständig mit „... innovation input by team Airena®!“

Globale Teilnahme an zahlreichen Gruppenausstellungen, seine Designarbeiten sind weltweit in acht Museen vertreten, nationale und internationale Auszeichnungen und Preise. 2002 Ruf in die 1754 gegründete Royal Society of Arts, London. Innovationspreis der Deutschen Druckindustrie 2009, 1. Platz in der Kategorie “Bücher”. 


Eine Veranstaltung des Museums Villa Stuck.
Eintritt € 8,-/ € 4,-. Karten an der Museumskasse oder unter: 089/45555-10
Einlass: 19.00 Uhr. Beginn: 20.00. Die Ausstellung „Jugend der Moderne“ ist bis zum Beginn der Veranstaltung geöffnet.