![]() |
![]() |
Mit Memory Loops hat Michaela Melián den Kunstwettbewerb der Landeshauptstadt München „Opfer des Nationalsozialismus – Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens“ gewonnen.
Grundgedanke des Wettbewerbs war die Erkenntnis, dass ein Nachdenken über den zeitgemäßen Zugang zum Gedenken und zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus neue Formen der Erinnerungskultur erfordern. Opfer- und Täterbezüge zu verschiedenen Orten in München sollten sichtbar gemacht, auf künstlerische Weise reflektiert und mit dem Stadtraum vernetzt werden. Ausgelobt wurde ein Kunstwerk, das keinen traditionellen Denkmalcharakter aufweist.
Das Kunstkonzept Memory Loops von Michaela Melián hat sich dieser Aufgabe überzeugend gestellt – es ist ein Denkmal ohne festen Ort, das zu jeder Zeit individuell erfahrbar ist und sich gleichzeitig präzise im Münchner Stadtraum verortet. Mit der Wahl von Internet und mobiler Telefonie als vermittelnde Medien greift es zudem bewusst zeitgenössische Kommunikationsformen auf.
Das Projekt Memory Loops ist als Audiokunstwerk konzipiert, das weitgehend auf Transkriptionen historischer und aktueller Originaltöne von NS-Opfern und Zeitzeugen basiert: Zeugnisse von Diskriminierung, Verfolgung und Ausgrenzung während des NS-Regimes in München. Die transkribierten Berichte werden von Schauspielerinnen und Schauspielern gesprochen, historische Dokumente von Kindern gelesen. Durch diese Verfremdung gewinnt das Archiv-Material eine zeitlose Aktualität. Alle Stimmen sind eingebettet in eine originale Musikkomposition, die in ihrem gleichmäßigen Strömen die Textpassagen verbindet. Als Ausgangsmaterial wurden Fragmente historischer Aufnahmen mit Werken von Karl Amadeus Hartmann, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Kurt Weill und Coco Schumann verwendet und zu einem fragilen, ambienten Sound verwoben. Das musikalische Instrumentarium besteht aus Klavier, Violoncello, Gitarre, Flöte, Metallophon und Glasharmonium.
Das Zentrum des Kunstwerks ist die Website memoryloops.net, auf der die erfassten Erinnerungen in Form von 300 deutschen und 175 englischen Tonspuren zum Anhören und kostenlosen Download bereit liegen. Jede Spur ist eine Collage aus Stimme(n) und Musik, die thematisch auf einen Ort innerhalb der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ verweist. Alle Tonspuren sind in einer von der Künstlerin gezeichneten Topographie der Stadt zu finden. Fünf der 300 Tonspuren sind einstündige Erinnerungsschleifen, die sich über den ganzen Stadtraum legen und Themenschwerpunkte haben. Diese einstündigen Stimmencollagen werden als Hörspielreihe ab 26. September um 15 Uhr auf Bayern 2 gesendet und ebenfalls als Download angeboten. Auch in englischer Sprache liegt ein einstündiger Loop vor.
Memory Loops – Erinnerungsschleifen selbst zusammenstellen
Alle Tonspuren können heruntergeladen und als Trackliste gespeichert werden. Ob auf ein Mobiltelefon oder auf einen mp3-Player überspielt: Interessierte können so ihrer selbst gewählten Erinnerungsschleife durch die Stadt folgen.
Memory Loops im Münchner Stadtraum
Zusätzlich zu memoryloops.net werden die einstündigen Hörspiele auch auf mp3-Playern zu hören sein, die aktuell in der Rathausgalerie und ab Oktober auch in Münchner Museen verliehen werden. Ein weiterer Zugang über den öffentlichen Stadtraum und Mobiltelefone wird in den nächsten Wochen realisiert: Schilder an 60 ausgewählten Erinnerungsorten verweisen auf Telefonnummern zum Festnetz-Tarif, unter denen ortsbezogene Tonspuren abrufbar sind. Ergänzend wird auch eine Applikation für das iPhone angeboten, die neben den Stimmencollagen einen Stadtplan mit den einzelnen Stationen enthält und via GPS-Referenzierung das Navigieren und eine Routenführung direkt zu den signifikanten Plätzen ermöglicht.
Aus der Begründung der Jury
„Die Arbeit von Michaela Melián thematisiert in anspruchsvoller künstlerischer Form das Schicksal aller Opfer des Nationalsozialismus. Gleichzeitig werden die Täter nicht aus der Erinnerung ausgeklammert. Unterschiedlichste historische Zusammenhänge werden an Kristallisationspunkten der Stadt München erörtert. Aus Archivmaterialien und Aussagen von Zeitzeugen werden künstlerisch gestaltete Stimmencollagen in höchster Qualität erstellt. Dabei findet sich in Recherche und Realisierung der Audiocollagen eine breite institutionelle Vernetzung, wobei bereits hier die Integration jüngerer Generationen berücksichtigt wird. Das Kunstwerk ist sowohl dezentral angelegt als auch auf historisch bedeutsame Orte bezogen. Denn mit Hilfe von auf Mobiltelefon oder anderen Tonträgern zu erreichenden Memory Loops (Stimmcollagen) wird eine allgegenwärtige moderne Form des Erinnerns und Gedenkens geschaffen. Mit ihrem Konzept des Dezentralen, idividuellen, Immateriellen und Temporären sowie einem hohen Partizipation-santeil des Publikums eröffnet Melián individuelle Erkenntnis- und Erfahrungsmöglichkeiten, die sich – auf dem Boden von Humanismus und Demokratie – von Deutungshoheiten etwa eines Expertentums abheben. Meliáns Projekt formuliert einen appellativen Aufruf zur Menschlichkeit und Demokratie angesichts der Gräueltaten im Nationalsozialismus – behutsam, aber eindringlich.“
Ein Projekt des Kulturreferats der Landeshauptstadt München / Freie Kunst im öffentlichen Raum in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk / Hörspiel und Medienkunst