Landeshauptstadt München

 

Museum Villa Stuck

Stunde 0
Rupprecht Geiger
und Hilla von Rebay

8. September 2005 - 15. Januar 2006

    Purpur-Linien   Hilla von Rebay
Purpur-Linien, 1949

Öl auf Leinwand, 131,4 x 108,6 cm
Solomon R. Guggenheim Museum, New York
© The Hilla von Rebay Foundation
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung
Alle Rechte vorbehalten
Foto: David Heald
  STUNDE 0 I HISTORIE

Rupprecht Geiger stellt neben Max Ackermann, Willi Baumeister, Gerhard Fietz, Conrad Westphal und Fritz Winter und anderen KünstlerInnen bei der Wanderausstellung Extreme Malerei aus, die zunächst im Augsburger Schaezler-Palais im Februar 1947 gezeigt wird. Diese Ausstellung, die Juliane Roh als "Welt der befreiten Farben und Formen" bezeichnet ( Schwäbische Landeszeitung , 7.2.1947), ist nach Kriegsende der erste Versuch, die wichtigsten Stilrichtungen der Nachkriegszeit anhand markanter Vertreter darzustellen. Rupprecht Geiger beteiligt sich mit stark abstrahierten farbigen Landschaften. Der damalige britische Diplomat und spätere Kunstkritiker John Anthony Thwaites (1909-1981) besucht die Ausstellung. Anschließend an die Ausstellung findet eine Diskussionsrunde abstrakter Künstler statt, an der Baumeister, Fietz, Geiger, Willi Hempel, Brigitte Meier-Denninghoff (später Matschinsky-Denninghoff) sowie der renommierte Kunsthistoriker und ehemalige Landeskonservator Ludwig Grote (1893 - 1974) teilnehmen.

Der Chefdramaturg der Münchner Städtischen Bühnen, Wolfgang Petzet, zeigt 1947 in seinem Ickinger Haus eine Ausstellung von Wolfgang Fietz. Eingeladen sind der Kunsthistoriker, Fotograf und Professor an der Universität München, Franz Roh (1890 - 1965), sowie Ludwig Grote und John Anthony Thwaites. Es entsteht die Idee, eine Gruppe abstrakter Maler zu bilden. Ein erster Kontakt mit dem Kulturattaché und Direktor des Central Art Collecting Point , Stefan P. Munsing, wird aufgenommen.

Neben der Galerie Günther Franke (von 1946-1963 in der Villa Stuck ansässig) bildet die Moderne Galerie Otto Stangl nach ihrer Eröffnung im Februar 1948 einen der wichtigsten Treffpunkte von Avantgardekünstlern in München. Über Stangl nimmt die deutsche Künstlerin und Direktorin des Museum of Non-Objective Painting in New York, Hilla von Rebay, Kontakt mit Bissier, Cavael, Fietz, Geiger, Hempel und Winter auf.

In der Kunsthalle Karlsruhe wird von 18. März bis 18. April 1948 die Ausstellung Gegenstandslose Malerei in Amerika , kuratiert von Hilla von Rebay, mit Werken aus der Sammlung des Museum of Non-Objective Painting , New York, gezeigt. Franz Roh schlägt vor, die Ausstellung in der Villa Stuck in München zu zeigen ("Die Galerie Günther Franke ist keine Kunsthandlung im unangenehmen Sinn oder gar mit Schaufenstern. Es handelt sich um einen großen Saal am Rande der Stadt, um die einzige Möglichkeit, im zertrümmerten München gute moderne Kunst zu zeigen": Roh an Rebay, Oktober 1947, zitiert nach Ruby, S. 279). Stattdessen wird sie im Hertie Haus gegenüber vom Hauptbahnhof, von Mai bis Juni 1948 präsentiert. Unter den 54 Arbeiten in der Ausstellung sind u.a. Werke von Hilla von Rebay, Rudolf Bauer, Ilja Bolotowski und László Moholy-Nagy vertreten. Die Ausstellung wird auf die Initiative von Hilla von Rebay und Dr. Kurt Martin (Rebays Cousin und Direktor der Kunsthalle Karlsruhe) u.a. in München und Mannheim gezeigt.

Im Sommer 1948 stellt Geiger drei surrealistische Papierarbeiten in dem Pariser III ème Salon des Réalités Nouvelles aus. Zum ersten Mal sind die "Zones occupées en Allemagne" mit 17 Künstlern, darunter auch Baumeister, Cavael, Fietz und Winter, vertreten. Die allgemeine Bedingung zur Ausstellungsteilnahme besteht in der "non-figuration" der Kunstwerke. Unter den beteiligten Künstlern in der section étrangère Ètats-Unis sind auch Rebay und Bauer.

Im März 1949 gewähren Hilla von Rebay und Solomon R. Guggenheim Brigitte Meier-Denninghoff ein Stipendium für ein sechsmonatiges Studium in Paris.

Im Sommer 1949 veranstaltet der Central Art Collecting Point eine Übersichtsausstellung zur deutschen Kunst der Gegenwart in den vier Besatzungszonen, Kunstschaffen in Deutschland . Unter den Künstlern ist auch Rupprecht Geiger.

In der Modernen Galerie Otto Stangl, nach der Eröffnung einer Rolf-Cavael-Ausstellung am 19. Juli 1949, wird die Gruppe der "Gegenstandslosen" süddeutscher Künstler von Willi Baumeister, Rolf Cavael, Gerhard Fietz, Rupprecht Geiger, Willy Hempel und Fritz Winter, gegründet. Kurz darauf kommt Brigitte Meier-Denninghoff dazu. Am selben Tag wird Hilla von Rebay per Telegramm von Rupprecht Geiger als Ehrenmitglied der Gruppe eingeladen. "Die Gruppe hat einstimmig Sie als die bekannte Förderin der modernen Kunst (das heisst der gegenstandslosen Kunst) zum Ehrenmitglied gewählt, und bittet Sie um Ihre freundliche Zustimmung. Die Gruppe hat zum Ziel, übernational der grossen Idee zu dienen, deren Förderin Sie schon seit vielen Jahren sind." (Telegramm an Hilla von Rebay, 19.7.1949) .

Die Künstlergruppe wird von der Modernen Galerie Otto Stangl gefördert und findet zunächst Fürsprecher in Persönlichkeiten wie John Anthony Thwaites, Franz Roh und Ludwig Grote.

Hilla von Rebay setzt sich weiterhin mit Engagement für die gegenstandslose Kunst ein. Sie schickt im Dezember 1949 Care-Pakete mit Nahrungsmitteln, Geld und Malutensilien u.a. an Max Ackermann, Julius Bissier, Rolf Cavael, Rupprecht Geiger, Ludwig Grote, Kurt Martin, Jaina Schlemmer, Otto Stangl und Fritz Winter.

Die Ausstellungs- und Interessengemeinschaft Gruppe der "Gegenstandslosen" süddeutscher Künstler nennt sich auf Anregung von Rupprecht Geiger Ende 1949 in ZEN 49 um. "Auf der Tradition des Blauen Reiters fußend" und als Reaktion auf die im Dezember 1948 von Hans Sedlmayr publizierte Schrift Der Verlust der Mitte schreibt Geiger 1949, "hatte diese Gruppe die Aufgabe, die abstrakte Kunst durch Bild und Wort zu verbreiten, so dass sie Allgemeingut wird". "Der deutschen Kultur wollten wir diese neue Kunst als eine neue Aufgabe übergeben." (Rupprecht Geiger, Erinnerungen an ZEN 49 ). "Unsere Malerei sollte ein Weg sein und nicht ein ästhetisches Vergnügen. Der Name ZEN 49 dokumentierte dann die geistige Gemeinschaft." (Gerhard Fietz)

Ende 1949 / Anfang 1950 wird die von Hilla von Rebay kuratierte Ausstellung Gegenstandslose Malerei in Amerika nochmals in München gezeigt, diesmal im Amerika-Haus.

Die erste Ausstellung der Gruppe ZEN 49 findet 1950 (4.-28. April, verlängert bis 3. Mai) im Central Art Collecting Point , am Königsplatz, Arcisstraße 10 (heute Meiserstraße) in München statt. Als wichtige Station der Moderne zählt diese zu den "bedeutendsten Kunstausstellungen im 20. Jahrhundert". Gezeigt werden 75 Werke von insgesamt 19 Künstlern. Neben den Gründungsmitgliedern sind als Zeichen für die Offenheit und Internationalität der Gruppe weitere elf Gäste eingeladen worden. Als Ehrenmitglied stellt Hilla von Rebay fünf Werke aus, unter anderem das Bild Purpur-Linien aus dem Jahr 1949. Den Eröffnungsvortrag hält Werner Haftmann. Die Verkaufsausstellung wird anschließend bis Februar 1951 in Freiburg, Konstanz, Mannheim, Fulda, Wiesbaden, Hamburg, Lübeck und Düsseldorf gezeigt.

Im Mai 1950 kommt es zu einem Zerwürfnis zwischen Hilla von Rebay und der Gruppe ZEN 49 (Brief von John Anthony Thwaites an Hilla von Rebay 31.5.1950 sowie von Hilla von Rebay an Frau Juliane Roh vom 25. Juli 1951). Eine Ausstellungs-Tournee der ZEN 49 KünstlerInnen durch amerikanische Colleges 1956-57 bildete den Höhepunkt und markierte gleichzeitig das Ende der Künstlergruppe ZEN 49 .

Literatur:

  • Ausstellungskatalog ZEN 49, Central Art Collecting Point, Arcisstraße 10 München. München 1950
  • Ausstellungskatalog Poetter, Jochen (Hrsg.), Die ersten 10 Jahre – Orientierungen ZEN 49, Kunsthalle. Baden-Baden 1986
  • Ausstellungskatalog Schuster, Peter-Klaus (Hrsg.), Rupprecht Geiger, Haus der Kunst. München 1988
  • Teuber, Dirk: „ZEN 49. München 1950“, in Roters, Eberhard (Hrsg.), Stationen der Moderne. Kataloge epochaler Kunstausstellungen in Deutschland 1910-1962. Kommentarband zu den Nachdrucken der zehn Ausstellungskataloge, Berlinische Galerie. Köln 1989, S. 139-199
  • Ruby Sigrid: “Have we an American Art?“. Präsentation und Rezeption amerikanischer Malerei im Westdeutschland und Westeuropa der Nachkriegszeit, Weimar 1999
  • Clelia Segieth: Etta und Otto Stangl, Galeristen, Sammler, Museumsgründer. Hrsg. in Zusammenarbeit mit dem Zentralarchiv des Internationalen Kunsthandels e.V. Köln 2000
  • Birnie Danzker, Jo-Anne: „Art of Tomorrow“, in Birnie Danzker, Jo-Anne, Salmen, Brigitte, Vail, Karole (Hrsg.), Art of Tomorrow: Hilla von Rebay und Solomon R. Guggenheim, Museum Villa Stuck. München 2005