Landeshauptstadt München

 

Museum Villa Stuck

Kabarett Fledermaus 1907-1913
Ein Gesamtkunstwerk der Wiener Werkstätte

18. Oktober 2007 bis 27. Januar 2008

      Bertold Löffler
Kostümentwurf für die Diseuse Marya Delvard im 1. Programmheft des „Kabaretts Fledermaus“,1907
farbige Lithographie
24,5 x 23,5 cm
Druck Chwala, Verlag der Wiener Werkstätte
Österreichisches Theatermuseum
 
 

Ein Gesamtkunstwerk
Das gesamte Interieur des Theaters, sämtliches Werbematerial und die Ausstattungsgegenstände wurden von Gestaltern entworfen, die entweder zu den Begründern der Wiener Werkstätte zu rechnen waren oder für sie arbeiteten. Die Kostüme, die dekorativen Hintergründe und oft auch die Inszenierung stammten aus nur einer Hand und es war in der "Fledermaus", wo zum ersten Mal in dieser Konsequenz der Prototyp des alle Kunstsparten überschreitenden Künstlers in Erscheinung trat, der seine Kompetenzen ausweitete und am Theater, wie einige Zeit später Oskar Schlemmer am Bauhaus, die Vielfalt verschiedenster Kunstgenres in seiner Person zusammenführte.

Das ästhetische Universum auf der Bühne der Fledermaus schien identisch zu sein mit dem ästhetischen Umfeld unten im Zuschauerraum. Ein Verschmelzen dieser beiden üblicherweise getrennten Sphären war ganz im Sinn der neuen Gestaltungs- und auch Lebensideologie der Wiener Werkstätte, die alles Gegenständliche und was darüber hinausging, selbst in die Hand nehmen wollte. So wie das Design für den modernen Lebensvollzug auf der Bühne wie auch im Zuschauerraum der "Fledermaus" zum Einsatz kam, sollten umgekehrt alle Elemente auf der Bühne auf den Lebensalltag des Publikums zurückwirken, bestand dieses doch aus potentiellen Käufern der Wiener Werkstätte.

Das Programm
Das Kabarett Fledermaus bot ein vielfältiges Angebot an Bühnenwerken unterschiedlichster Gattungen und Formen. Das Spektrum reichte von avantgardistischen Bühnendichtungen, wie Peter Altenbergs Masken , und Tragödien, etwa Ludwig Hunas Artisten , über das makabre Schauerstück Der Albino von Gustav Meyrink, Komödien und Lustspiele, u. a. von Egon Friedell und Alfred Polgar oder Felix Dörmanns Schlau - Schläuer - Am Schläuesten , bis zu schlüpfrigen Schwänken, darunter Das Höschen der Baronesse von Otto Eisenschitz. Neben dem klassischen Schauspiel wurden auch Pantomimen ( L' homme aux poupées von Henry Berény), historische Theaterstücke (Jean-Jacques Rousseaus Le devin du village ) und Puppenspiele zur Aufführung gebracht.

Lag der Schwerpunkt anfangs auf eigens für die "Fledermaus" geschriebenen, anspruchsvollen Stücken, wurden ab Oktober 1909 - mit dem Ende der Ära der Wiener Werkstätte und mit Robert Blum als neuem künstlerischen Leiter - bei der Zensurstelle Bühnenspiele eingereicht, die bereits andernorts uraufgeführt worden waren. Gleichzeitig wurde der Schwerpunkt auf französische Komödien und pikante Boudoirszenen verlegt, um dem Geschmack eines breiteren Publikums entgegenzukommen.

Höhepunkte einer secessionistisch geprägten Theatervision, die in der "Fledermaus" realisiert wurde, sind der Tanz Morgenstimmung (nach der Musik von Edvard Grieg) von Gertrude Barrison, für die Fritz Zeymer das künstlerische Gesamtkonzept entwickelt hat, sowie der für die ästhetischen Ziele der "Fledermaus" so bedeutsame, programmatische Dialog Masken von Peter Altenberg. Carl Otto Czeschka schuf dafür Kostüme und Hintergrund, ein Bühnenkunstwerk als Gegenmodell zum realistischen Theater seiner Zeit. Mit Oskar Kokoschkas Getupftem Ei , einem mechanisch gesteuerten Figurenspiel, kam ein neuer Stil in die Jugendstil-Domäne der "Fledermaus" - ein frühexpressionistisches Experiment, das allerdings weder von der Kritik noch vom Publikum geschätzt wurde.

Die Bedeutung der "Fledermaus" als theatralisches Experiment der Wiener Moderne kann nicht ernst genug genommen werden. Durch ihren Beitrag zur Neudefinition des Theaters hat sie sich vom bloß gestalterischen Aspekt der Wiener Werkstätte emanzipiert und wurde zum Fanal für die radikalen Experimente, die nach ihr folgen sollten: die Dada-Bühne 1917 in Zürich, die Bauhausbühne in Weimar und Dessau sowie der revolutionäre Theaterkonstruktivismus in der Sowjetunion der Zwanziger Jahre, um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen. Die Begründer des "Theaters und Kabaretts Fledermaus" wollten, wie ihre Nachfolger auch, ganz bewusst ein Theater gänzlich aus dem Zeitgeist heraus schaffen, das in der Architektur Signale setzte, aber auch auf der Bühne eine neue Ästhetik, die der Zeit angemessen sein sollte, ausrufen.

Die letzten Jahre
Nach dem Ausscheiden der Wiener Werkstätte im Jahr 1908 bestand das "Theater und Kabarett Fledermaus" weitere vier Jahre. Die Ästhetik der Wiener Werkstätte wurde nicht auf Anhieb abgeschüttelt. Egon Friedell wirkte von 1908 bis 1910 weiter als Leiter am Theater. Die Requisiten kamen nunmehr vom bekannten, in Wien ansässigen Korbwarenerzeuger "Prag-Rudniker". 1913 wurde das Lokal verkauft und als Revuetheater "Femina" neu eröffnet Danach diente es jahrzehntelang als Kino und schließlich als Tanzlokal. Die Geschichte der Fledermaus nach 1908 zeigt die Normalisierung nach einem Höhenflug, der mit der Wiener Werkstätte ehrgeizig begonnen hatte, aber durch deren finanzielles Scheitern an diesem großartigen Projekt allzu früh wieder beendet wurde. Was bleibt, ist ein künstlerisch großartiges Gesamtkunstwerk.