Landeshauptstadt München

 

Museum Villa Stuck

Kabarett Fledermaus 1907-1913
Ein Gesamtkunstwerk der Wiener Werkstätte

18. Oktober 2007 bis 27. Januar 2008

      Josef von Divéky
Plakatentwurf für das „Kabarett Fledermaus“, 1907
Deckfarben über Bleistift auf Papier
22,2 x 20,5 cm
Sammlungen der Universität für angewandte Kunst Wien
 
 

Prolog: "Die Elf Scharfrichter" 1901-1903
Die Ausstellung im Museum Villa Stuck wird eingeleitet durch einen Prolog zum Münchner Kabarett "Die Elf Scharfrichter". Am 14. April 1901 feierte in München dieses politisch-literarische Kabarett seine Eröffnungsvorstellung. Gegründet wurde es mit dem Ziel, "alle Kunstgattungen zugleich in den Dienst der Unterhaltung" zu stellen. Es war u.a. entstanden aus der Auflehnung junger Künstler und Schriftsteller gegen einen im Frühjahr 1900 im Deutschen Reichstag eingebrachten Gesetzesentwurf zur Einschränkung der Künstlerischen Freiheit ("Lex Heinze"), der den Unzüchtigkeitsparagraphen im Strafgesetzbuch verschärfen sollte. Federführend bei der Gründung waren der Schriftsteller und Regisseur Otto Falckenberg, der Kritiker und Lyriker Leo Greiner und zuvorderst der in München lebende Franzose Marc Henry. Das Ziel war eine deutsche Spielart des "Cabaret artistique" nach dem Vorbild des "Chat noir" (1881), bei dem junge Dichter ihre grotesken, witzigen und anti-bürgerlichen Chansons in der intimen Sphäre eines Wirtshauses vortrugen.

"Die Elf Scharfrichter" brachten einem kunstsinnigen Publikum von jeweils nur hundert Personen dreimal wöchentlich Lyrisches in Lied und Chanson, Satirisches (das allerdings mehr kulturpolitische als rein politische Spitzen enthielt) sowie Pantomimen und Puppenspiel in literarischer Hochform vor - ein Künstlerbrettl, durch Hans Richard Weinhöppel auch musikalisch von hoher Qualität. An der Gestaltung der angriffslustigen Programmhefte und Plakate wirkten führende Künstler des Münchner Jugendstils, sowie Zeichner des "Simplicissimus" und der "Jugend" wie Thomas Theodor Heine, Bruno Paul, Arpad Schmidhammer, Julius Diez, Ernst Neumann, Olaf Gulbranson und Ernst Stern mit. Legendär ist die Darstellung der Marya Delvard, Star des Ensemles, von Thomas Theodor Heine. Frank Wedekinds Auftritte gehörten mit selbstkomponierten Liedern und moritatenhaften Bänkelliedern zu den vielbeachtetesten Beiträgen.

Der große künstlerische, personelle und technische Aufwand bei 100 Plätzen, 35 Mitwirkenden und monatlichem Programmwechsel brachte "Die Elf Scharfrichter" trotz ausverkaufter Vorstellungen an den Rand des geschäftlichen Ruins, die zunehmend verschärfte Zensur an das künstlerische Ende. Im Herbst 1904 löste sich das Kabarett auf.

Die Entstehung der "Fledermaus"
In Wien waren um die Jahrhundertwende, zum Teil nach Pariser Vorbild, einige Vorläufer-Institutionen entstanden - das "Jung-Wiener Theater zum Lieben Augustin", das "Moderne Cabaret" im Philipphof und das "Cabaret Nachtlicht" - zumeist mit nur mäßigen Erfolg beim Publikum. Demgegenüber stellte das "Theater und Kabarett Fledermaus" den Höhepunkt des Jugendstil-Kabaretts dar. Im Souterrain eines neu errichteten Hauses an der Ecke Kärntner Straße und Johannes Gasse gelegen, stand die Kleinkunstbühne von ihrer Gründung im Jahr 1907 an bis zu ihrem frühen Ende 1913, gemeinsam mit der "Loos Bar" (1908), für die Avantgarde in Kunst und Architektur.

Hier verweist die Geschichte des "Kabaretts Fledermaus" nach München, wo Peter Altenberg "Die Elf Scharfrichter" gesehen und ihre Qualität erkannt hatte. Nach zwei Gastspielen der "Scharfrichter" in Wien, bei denen die gelungene Verschmelzung von ursprünglicher Gesellschaftskritik und bayerischem Aberwitz mit dem französisch-existentialistischen Fluidum der Diseuse Marya Delvard großen Beifall gefunden hatte, kamen Ende 1905 Hans Richard Weinhöppel als musikalischer Leiter zusammen mit Marc Henry und Marya Delvard nach Wien, um einen Neubeginn zu wagen. Nachdem sie bis 1907 gemeinsam im "Cabaret Nachtlicht" aufgetreten waren, übernahmen sie ab 1908 die künstlerische Leitung der "Fledermaus" - womit französisches Flair in das Wiener Kabarett Einzug hielt.

Der Theaterraum von Josef Hoffmann
Josef Hoffmann hat die unveränderlichen baulichen Vorgaben des Gebäudes in der Kärntnerstraße optimal in seinen Entwurf einbezogen. Von der Eingangstüre, schräg durch den Bar-Raum, über den Eingang ins eigentliche Theater bis hin zur Bühne schuf er eine Achse, die beide Räume verband. Waren die Flügeltüren des Theaters offen, konnte man von der Bar aus der Aufführung beiwohnen. So entstand ein gewollter Dialog der beiden Räume und das Kabarett begann schon vor der eigentlichen Aufführung. Der nierenförmige Hauptraum mit den Logen und Galerien war schlicht in seiner Ausstattung, ganz im Sinn der neuen, vom Jugendstil inspirierten Stilbühne, wirkte aber dennoch gemütlich intim. Es wurde nur mit Vorhängen gearbeitet, deren Farbigkeit und Muster sowohl Stimmung als auch Ambiente auf der Bühne suggerieren konnte. Die dunkle Marmor-Lambris kontrastierte mit den weiß reliefierten Stuck-Wänden. Die einzigen Farben brachten die beiden Reliefs von Berthold Löffler auf der Brüstung der Galerie in den Raum sowie das farbig gestaltete Bühnenbild. Augenfälligstes gestalterisches Element des Kleinkunstlokals war ein aus 7000 Majolikaplatten bestehendes, von Berthold Löffler entworfenes buntes Mosaik, mit dem Wände, Bar und Garderobe bedeckt waren. Es sollte der Einstimmung auf das Erlebnis Kabarett dienen. Die von Josef Hoffmann eigens für die "Fledermaus" entworfene Sitzgruppe wird noch heute produziert.