Landeshauptstadt München

 

Museum Villa Stuck

Zur Ausstellung

Brian Jungen
8. März bis 20. Mai 2007
      Brian Jungen
Prototype for New Understanding # 21

(Prototyp für neues Verständnis Nr. 21), 2005
Sportschuhe der Marke Nike
Privatbesitz, New York
Foto: Trevor Mills, Vancouver Art Gallery
 
 

Brian Jungen gilt heute als der wichtigste kanadische Künstler seiner Generation. Seine Mutter kam aus dem Stamm der Dane-Zaa-Indianer, sein Vater aus einer Familie von Einwanderern aus der Schweiz. Jungens Biografie, die zweierlei Erbe in sich trägt, bildet den Hintergrund seiner Arbeiten, aber nur indirekt ihr Thema. Seine Skulpturen legen Kultur als hybrides Gebilde offen, als Fusion, in der weder westliche Traditionen noch die der Ureinwohner eine Vorrangstellung beanspruchen können. Jungen überwindet in seinen Arbeiten mit Raffinesse die landläufigen Diskurse über Authentizität und Identität - zugunsten der Frage nach den komplexen Zusammenhängen im Austausch von Ideen, Waren und Formen in einer sich formierenden globalen Kultur.

Dem uralten Repertoire der Magie entlehnt, perfektioniert der Grenzgänger Jungen die Technik der erstaunlichen Verwandlung des Objektes, die - verwirrend und attraktiv - gleichzeitig Annäherung und Entfremdung beinhaltet. Mit den Prototypes for New Understanding (1998 - 2003) wandte er das Prinzip auf Magie selbst an. In ihrer Ambivalenz sprengen Jungens urbane Fetische den Rahmen ethnografischer und musealer Präsentation parallel mit den Parametern magischer Beschwörung und der symbolischen Ordnung der Popkultur.

Jungen spielt mit ökonomischen und kulturellen Gütern und den Codes ihrer Repräsentation. Isolated Depiction of the Passage of Time (2002) besteht aus einer Transportpalette aus Zedernholz, auf der Kantinentabletts aus einem Gefängnis gestapelt sind: eines für jeden Ureinwohner im kanadischen Strafvollzug. Inspiriert wurde die Skulptur durch einen Fluchtversuch mit Hilfe einer Konstruktion von Servicebrettern. Sie vereint Gebrauchsgüter, die sehr unterschiedlich der Idee der Bewegungsfreiheit verhaftet sind, zu einem ästhetischen Objekt, das an die Minimal Art erinnert - nicht ohne deren Konzept auf den Kopf zu stellen. Jungen lädt Alltagsmaterialien mit ästhetischer und politischer Bedeutung auf, seine Arbeiten reklamieren Ästhetik als unverzichtbaren Bestandteil von Kulturkritik.

Die Praxis von Verwandlung und Verdoppelung, die klug kalkulierte Zweckentfremdung korrespondiert mit Jungens Strategie, verborgene Innenräume freizulegen, ohne dabei dem Material eine untergeordnete Rolle zuzuweisen. Das Walskelett, die Knochen von Cetology , sind untrennbar verknüpft mit einer ganzen Reihe möglicher Assoziationen - im Material verankerte Verknüpfungen, die die Grenzen von Plastik, naturkundlichem Anschauungsobjekt, Kritik am Warenfetischismus und religiös, politisch oder romantisch besetzter Symbolik transzendieren.

Jungen fordert die Betrachter zum Nachdenken über vielfältige und reflexive Verflechtungen von Modernisierung, Mythos und Material angesichts verblassender Eindeutigkeit kultureller Überlieferungen auf. Die Ausstellung zeigt eine Bestandsaufnahme von Brian Jungens innovativem und vielschichtigem Schaffen, das scheinbare Gegensätze in Kunst, Gesellschaft, Tradition und Gegenwart überschreitet und zu einer zwingenden Analyse der globalen Kultur verschmilzt.

Die Ausstellungstour wurde organisiert von der Vancouver Art Gallery mit Unterstützung der Audain Foundation und der Andy Warhol Foundation for the Visual Arts.