Start > Ausstellungen > Lee Mingwei: 禮 Li, Geschenke und Rituale

Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

Lee Mingwei: Li, Geschenke und Rituale

Rundgang durch die Ausstellung

Neues Atelier, Erdgeschoss

Rituale der aktiven Kontemplation sind in Lee Mingweis Werk von großer Bedeutung. So können sich Besucher*innen im Rahmen von The Letter Writing Project (1998/2021) die Zeit nehmen, einen Brief zu verfassen, den sie schon seit Längerem schreiben wollten. „Als Reaktion auf den Tod meiner Großmutter mütterlicherseits verbrachte ich die darauffolgenden 18 Monate damit, ihr Briefe zu schreiben. Teilweise waren es lange Briefe, teilweise nur Zeichnungen und zufällige Gedanken. Am Ende dieses Prozesses hatte ich etwa 120 Briefe für sie.“ Zwei lichtdurchlässige Kabinen bieten einen abgesonderten Raum zum Schreiben. Stifte, Briefbögen und Umschläge liegen bereit. Inspiriert von buddhistischen Meditationshaltungen, ermöglicht jede Kabine eine andere Position, sodass man beim Schreiben knien oder sitzen kann. Lee lädt dazu ein, die Schuhe auszuziehen, die Kabine zu betreten und einen Brief zu schreiben. Dieser Brief kann einen Dank, eine Einsicht oder eine Entschuldigung beinhalten und kann an eine verstorbene oder abwesende Person gerichtet sein. Wenn er in einen adressierten Umschlag gegeben und verschlossen wurde, wird er vom Museum Villa Stuck verschickt. Wird der Brief offengelassen, sodass andere ihn lesen können, kommt er in Lees Sammlung. Diese umfasst bislang bereits über 60.000 Briefe. Lee plant, sie am Ende des Projekts in einer Zeremonie zu verbrennen, denn er ist der Ansicht: „Diese sehr schweren und intensiven Emotionen gehören eigentlich dem Himmel oder dem Wasser. Das Feuer wird die Emotionen freisetzen.“

Our Labyrinth (2015/2021) geht auf Beobachtungen zurück, die Lee Mingwei in Pagoden, Tempeln und Moscheen in Myanmar machte. An all diesen Orten sah er, mit welcher Sorgfalt Freiwillige die Wege kehrten und sie für barfüßige Besucher*innen vorbereiteten. Lee verbindet die Demut des Kehrens mit dem Bild des Labyrinths, das sich in allen möglichen spirituellen Traditionen wiederfindet. Im Gegensatz zu einem Irrgarten, in dem man sich verlaufen kann, besteht ein Labyrinth aus einem einzigen kreisförmigen Weg. Seine Windungen und Wendungen stehen sinnbildlich für eine spirituelle Reise. Das Ablaufen eines Labyrinths ist eine Form der Gehmeditation. Ausgehend von dieser Tradition ist Our Labyrinth als ritueller Tanz konzipiert. Lee fordert die Tänzer*innen auf, zwei Dinge zu tun: „Sie sollen sich ganz langsam bewegen, wie Morgennebel über einem Sumpfgebiet, und sie sollen ‚ihr Herz auf den Reis hören lassen‘, indem sie ihre nächste Bewegung nicht durchdenken, planen‘. Der Reis wird sie durch den Tanz leiten.“ Die Performer*innen kommen aus unterschiedlichen Bewegungstraditionen wie Yoga, Ballett und zeitgenössischer Tanz, sie tragen einen Sarong, ein weißes Hemd sowie Glöckchen am Fußknöchel, die im Rhythmus der Bewegung erklingen. Dadurch, dass sie Reis mit einem Besen verteilen, entstehen Muster. Sobald ein*e Tänzer*in fertig ist, wird der Besen und der Raum an den oder die nächste*n Performer*in übergeben. Diese choreografische Meditation findet Dienstags und Donnerstags von 12 bis 14:45 Uhr sowie Samstags von 11 bis 16:15 Uhr und Sonntags von 11 bis 17:30 Uhr statt.

In The Mending Project (2009/2021) führen Näher*innen Gespräche mit Besucher*innen, während sie deren Kleidungsstücke reparieren oder veredeln. Diese Prozesse schaffen einen gemeinsamen Raum, in dem die Möglichkeit besteht, in einen Austausch zu treten. Lee Mingwei lebt in New York und Paris. Als er am 11. September 2001 darauf wartete, zu erfahren, ob ihm nahestehende Menschen den Anschlag auf die Twin Towers überlebt hatten, begann er zu flicken. The Mending Project setzt dieses Ritual der Reparatur fort. Besucher*innen sind eingeladen, versehrte Kleidungsstücke mitzubringen, die während gemeinsamer Gespräche von den Gastgeber*innen repariert werden. Ähnlich wie in der japanischen kintsugi-Tradition, bei der Töpferwaren mit Gold ausgebessert werden, benutzt man bei juci, dem chinesischen und taiwanesischen Verfahren, Reisleim und Nägel, um Keramiken zu reparieren. Innerhalb dieser Kulturtechniken gelten Gegenstände nicht als minderwertig, wenn sie einem solchen Prozess unterzogen wurden. Die farbenfrohen Reparaturen, die am Tisch von The Mending Project ausgeführt werden, bleiben bewusst sichtbar, auch als Erinnerung an die Zeit, die Hingabe und die Gespräche. Die ausgebesserten Kleidungsstücke, die durch Fäden mit Spulen an der Wand verbunden sind, bilden eine stets anwachsende Installation, einem Netzwerk gleich. Am Ende der Ausstellung schneidet der Künstler die Fäden durch, um den Eigentümer*innen ihre Kleidung wieder mitzugeben.

In Money for Art (1994/2020, 2006/2020) wird die Frage aufgeworfen, ob Kunst außerhalb der Zwänge des kapitalistischen Tausches funktionieren kann. Die Arbeit entstand, als Lee in Kalifornien lebte. Er setzte sich in ein Café, faltete Zehn-Dollar-Scheine zu Origamiskulpturen und fragte Passant*innen, ob sie am Besitz eines solchen Kunstwerks interessiert seien. Die Bedingung für den Erhalt des Objekts bestand darin, dass Lee sie zweimal kontaktieren dürfe: nach sechs Monaten und nochmals nach einem Jahr. Das Ergebnis ist eine Serie von fünf Fotografien. Sie dokumentieren die Origami-Arbeiten, den Namen und den Beruf der neun Menschen, die sie erhielten, und den Weg, den diese Objekte zurücklegten. Viele Personen behielten ihre Skulptur, andere falteten sie auseinander und benutzten sie als Zahlungsmittel. Spätere Versionen von Money for Art wurden in Kunsträumen gezeigt, wobei ein Regal mit Origamifiguren aus Ein-Dollar-Scheinen gefüllt war. Die Besucher*innen waren eingeladen, diese jeweils durch einen Gegenstand auszutauschen, der ihnen genauso viel wert zu sein schien. Für diese Ausstellung hat Lee Mingwei eine dritte Version des Werks geschaffen: eine Vitrine mit fünf neuen Origamiskulpturen.

Neues Atelier, Empore

Mit 100 Days with Lily (1995) macht Lee die Erfahrung, in der Gegenwart einer abwesenden Person zu leben, greifbar und öffentlich. Der Titel der Arbeit und die Dauer von 100 Tagen beziehen sich auf das Werk One Year Performance (1980–81) des taiwanesischen Künstlers Tehching Hsieh. Seine Experimente zu Dauer und Ausdauer haben Lee Mingwei stark beeinflusst. Die fünf Fotografien dokumentieren eine von Lees frühesten Performances, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken. Als Reaktion auf den Tod seiner Großmutter lebte er 100 Tage mit einer Narzisse zusammen. „Wenn ich meine Großeltern anlässlich des chinesischen Neujahrstages besuchte, standen bei ihnen häufig Narzissen im Wohnzimmer. Da ich dieses Wort als kleiner Junge nicht aussprechen konnte, behauptete meine Großmutter einfach, die Blume sei eine ‚Lilie‘.“ Trauer ist meist ein intimer Prozess. Die Texte auf den Fotografien protokollieren die Tätigkeiten, denen Lee gemeinsam mit der Pflanze nachging. Am 22. Tag keimt die Pflanze, am 79. Tag stirbt sie und Lee verbringt weitere 21 Tage mit der verwelkten Blume. Am 100. Tag pflanzt er die Blumenzwiebel erneut in die Erde ein. Dieser letzte Teil der Performance veranschaulicht Lees Auffassung des Lebens als Kreislauf von Geburt und Tod.

Persönliche Begegnungen sind häufig Ausgangspunkt für Projekte, bei denen Lee Mingwei seiner Faszination für das Schenken von Zeit und Hingabe Ausdruck verleiht. Der Rolle des Gastgebers räumt der Künstler einen besonderen Stellenwert ein. So werden in The Living Room (2000/2021) Münchner Sammler*innen dazu eingeladen, als Gastgeber*innen ihre einzigartigen Stücke auszustellen, um Unbekannte daran teilhaben zu lassen. Lee entwickelte diese Arbeit während seiner Zeit als Artist in Residence am Isabella Stewart Gardner Museum in Boston. Isabella Stewart Gardner (1840–1924) war eine legendäre Mäzenin und Gastgeberin, deren Haus und Sammlungen die Grundlage des Museums bilden. Lee ist überzeugt davon, dass alle Menschen auf die eine oder andere Weise sammeln und interessiert sich dafür, wie Objekte als Ausgangspunkt für Gespräche dienen können. Für die Münchner Version von The Living Room startete Lee einen Aufruf, in dem er nach Menschen mit einzigartigen Sammlungen suchte. Das von böhmler und Poliform eingerichtete Wohnzimmer lädt zum Verweilen ein und bietet eine Ausstellung innerhalb der Ausstellung. Im Verlauf von 17 Wochen werden 15 Sammlungen präsentiert. Dabei werden die Gastgeber*innen von Zeit zu Zeit anwesend sein, um die Geschichten ihrer Sammlungen zu erzählen. Eine Lehrmittelsammlung mit anatomischen Präparaten bildet den Anfang der Präsentationsreihe, es folgen Münchner Independent Magazine, selbstgebaute Musikinstrumente, eine Radiergummisammlung, Keramik der 1930er-Jahre, Schneekugeln, Teddybären, Griffelkunst, eine private Kunstsammlung, eine Sammlung in Orange, textile Erinnerungsstücke mit Fotos, Schokoladenpapier, Mitnahmedinge, Schätze aus dem Poesie-Briefkasten und Matchbox-Autos.

Neues Atelier, Obergeschoss

Our Peaceable Kingdom (2020/2021) ist ebenso wie The Living Room eine Ausstellung innerhalb der Ausstellung und ist Teil von Lees anhaltender Beschäftigung mit aktuellen Friedensvorstellungen. Ausgangspunkt ist das Gemälde Peaceable Kingdom (ca. 1833) des Quäkerpredigers und Künstlers Edward Hicks (1780–1849), das eine Friedensprophezeiung aus dem Buch Jesaja darstellt. Lee lud zwölf Maler*innen ein, Hicks‘ Motiv zu interpretieren und diese luden weitere Künstler*innen ein, das Gleiche mit ihren Werken zu tun. Alle Beteiligten wurden gebeten, einige Zeilen über ihren Friedensbegriff und ihren Malprozess niederzuschreiben. Die Gemälde sind zusammen mit einer Reproduktion von Hicks‘ Gemälde ausgestellt. Für die Präsentation in München wurde die Installation um drei neue Arbeiten erweitert. Die Münchner Künstlerin Esther Rutenfranz malte ihre Version des Gemäldes und beauftragte wiederum die Künstler Klaus Geigle und Mathes Schweinberger, je ein Gemälde anzufertigen. Zu Ehren des quäkerischen Prinzips der Toleranz als Grundlage für Frieden, vereint die Installation unterschiedlichste ästhetische Ansätze und Perspektiven und schafft so eine Metapher für ein friedliches Miteinander. Frieden ist ein fortlaufender Prozess – wie diese Arbeit.

Bei Guernica in Sand (2006/2021) spielen die Themen Fürsorge und Reparatur, denen sich Lee Mingwei seit Mitte der 1990er Jahre widmet, eine zentrale Rolle. Guernica in Sand ist eine rituelle Transformation von historischen und persönlichen Traumata. Der Ausgangspunkt dieser monumentalen Installation aus sieben Tonnen Sand ist eines der symbolträchtigsten Kunstwerke der westlichen Moderne, Guernica (1937) von Pablo Picasso (1881–1973). Picasso malte das Bild als Reaktion auf die Bombardierung der baskischen Stadt Guernica während des Spanischen Bürgerkriegs (1936–39). Indem Lee das Motiv in Sand zeichnet, bezieht er sich auf die Friedenspraxis der Sandmandalas im tibetanischen Buddhismus. In dieser Tradition werden detaillierte Sandgemälde hergestellt und nach ihrer Fertigstellung wieder zusammengekehrt. Guernica in Sand ist nicht nur eine Installation, sondern auch eine fünfstündige Performance. Am Samstag, den 3. Juli 2021 wird Lee um 12 Uhr mittags die Arbeit am letzten Teil des Sandgemäldes beginnen, das er bewusst unvollendet ließ. Eine von der Decke hängende Lichtskulptur beleuchtet den Künstler bei der Arbeit. Währenddessen sind die Besucher*innen eingeladen, einzeln über das Sandgemälde zu laufen, um das Motiv durch ihre Fußabdrücke zu verändern. Im zweiten Teil der Performance kehren Lee und andere Performer*innen den Sand mit Bambus-Besen zusammen. Die Betonung liegt dabei nicht auf der Zerstörung des kubistischen Gemäldes, sondern auf dessen Transformation und der Vergänglichkeit des Materiellen. Information und Anmeldung für eine 10-minütige Begehung der Sandinstallation „Guernica in Sand“ am 3. Juli 2021, 12 Uhr, auf www.villastuck.de.

Lee wuchs mit dem Schöpfungsmythos der Göttin Nu Wa auf. Mit Nu Wa Project (2005) bezieht er sich auf eine Erzählung, in der Nu Wa das Himmelsgewölbe repariert, nachdem es von Göttern im Kampf zerrissen wurde. Um das Loch zu stopfen und ihre menschlichen Geschöpfe zu schützen, schmilzt Nu Wa bunte Steine ein und flickt damit den brüchig gewordenen Himmel. Damit verkündet sie Frieden im Himmel und auf der Erde. Nu Wa Project ist ein traditioneller, handgewebter Seidendrachen auf einem Bambusrahmen, der aus Lees Zusammenarbeit mit Master Hseih, einem anerkannten Drachenhersteller in Taiwan und mit dem Künstler Chao Yu-Hsiu entstanden ist. Yu-Hsiu hat dabei die Göttin traditionell mit einem menschlichen Kopf und einem schlangenartigen Körper gemalt. „Die Idee hinter diesem Werk ist die, dass jede*r Besitzer*in dieses Seidendrachens ihre oder seine Träume darauf schreiben soll. Sobald der Drachen mit Träumen gefüllt ist, soll er oder sie ihn so hoch wie möglich steigen lassen und dann die Schnur durchtrennen, damit Nu Wa das Loch am Himmel stopfen kann.“ Wenn das Werk in eine Sammlung übergeht, soll der oder die Sammler*in seine oder ihre Träume auf das fragile Gewebe schreiben, bevor er oder sie den Drachen steigen und davonfliegen lässt. Wie bei Stone Journey ist dies eine implizite Einladung, das materielle Objekt freizulassen. Als Sinnbild des Friedens wird Nu Wa dem Himmel zurückgegeben.

Einige Projekte Lees haben sich aus Begegnungen in seiner Jugend entwickelt, die ihn emotional geprägt haben. The Sleeping Project (2000/2021) etwa geht auf eine Erfahrung zurück, die er nach seinem Schulabschluss machte. Lee reiste als Rucksacktourist durch Europa und nahm den Nachtzug von Paris nach Prag. Dabei teilte er sich ein Liegewagenabteil mit einem älteren Mann aus Polen. Als sie sich über ihre Reisen unterhielten, stellte sich heraus, dass der Mann unterwegs war, um eine Ausgleichszahlung für seine Zeit im Konzentrationslager in Auschwitz entgegenzunehmen. Diese Begegnung blieb dem Künstler in lebhafter Erinnerung. Inspiriert von diesem intimen Dialog mit einer ihm völlig unbekannten Person, beschäftigt sich Lee mit der Frage, ob eine Kunstinstitution emotionalen Verbindungen Raum geben kann. Er interessiert sich außerdem dafür, ob die Dunkelheit der Nacht persönliche Gespräche erleichtert. In nichtpandemischen Zeiten werden hier nach dem Zufallsprinzip Personen ausgesucht, die zuvor ihr Interesse angemeldet haben, mit dem Künstler oder einer*m Mitarbeiter*in der Villa Stuck eine Nacht in der Ausstellung zu verbringen. Aufgrund der aktuellen Situation kann dieses Projekt bis auf Weiteres nicht durchgeführt werden.

Historische Räume, Speisesaal

Fabric of Memory (2006/2021) präsentiert im Speisesaal Franz von Stucks Textilien mit Erinnerungspotenzial. Im Herbst 2020 veröffentlichte das Museum Villa Stuck einen Aufruf für Fabric of Memory, worin Lee Mingwei die Menschen darum bat, bei sich zu Hause nach Stoffgegenständen zu suchen, die Erinnerungen bergen, ihr Leben emotional bereichern und dadurch Geschichten erzählen. Eine von Lee getroffene Auswahl dieser Gegenstände wird in Holzboxen ausgestellt, wobei jedes Objekt von einer Anekdote begleitet wird.

„Die Inspiration zu Fabric of Memory war mein allererster Tag im Kindergarten. Weil ich nicht hinwollte, sagte meine Mutter, ich solle mir vorstellen, die Jacke, die ich trug, sei sie und würde mich den ganzen Tag umarmen. Schließlich willigte ich ein, zu gehen. Sie hatte sechs Monate lang nähen gelernt, um meine Kleidung für diesen Tag herstellen zu können.“ Lee lädt in nicht-pandemischen Zeiten dazu ein, die Schuhe auszuziehen, die Plattform zu betreten und die Kisten zu öffnen und nach dem Lesen, das traditionelle japanische sanada himo-Band der Kiste wieder zusammenzubinden, um das „Geschenk“ für den oder die nächste*n Besucher*in erneut zu verpacken. Derzeit werden die Kisten allerdings geöffnet präsentiert. Dinge helfen dabei, Gefühle und Stimmungen aufrechtzuerhalten, die mit bestimmten Momenten, Personen und Orten in Beziehung stehen, die nicht mehr existieren oder verloren gegangen sind. Die von Lee Mingwei ausgewählten Textilien mit ihren immanenten persönlichen Geschichten geben anrührend Zeugnis für das emotionale Verhältnis der Menschen zu den Dingen und legen dadurch die darunterliegenden zwischenmenschlichen Beziehungen und die Kraft ihrer Wirkung frei.

Historische Räume, Rauchsalon

Es ist eine chinesische Tradition, eigenwillig geformte Steine aus entlegenen Orten zu sammeln und sie als Inspirationsquelle für Literatur und Kunstwerke zu nutzen. Während einer Reise nach Te Waipounamu, Neuseelands Südinsel, sammelte Lee in einem Eisbach durch natürliche Erosionsprozesse geformte Steine, die er in Bronze gießen ließ. Stone Journey (2010) zeigt neun Steinpaare, von denen jeweils einer das Original und der andere der Bronzeabguss ist. Sie werden auf Holzplattformen ausgestellt, in die das ungefähre Alter der jeweiligen Objekte eingraviert ist. Somit wird die große Zeitspanne spürbar, die zwischen ihnen liegt. Lee hinterfragt mit diesen Paaren die Idee von Wert und Besitz. Wenn das Werk in eine Sammlung übergeht, erfolgt der Verkauf unter der Bedingung, dass eines der beiden Elemente weggeworfen werden muss. Die Eigentümer müssen sich zwischen dem originalen Stein und dem Abguss entscheiden. Dieses Konzept richtet sich ausdrücklich gegen die Logik der Bewahrung eines Kunstwerks. Der eigentliche Akt der Fürsorge besteht hier darin, die Veränderung des Kunstwerks zuzulassen. Für Lee ist das Werk eine Partitur, die nur darauf wartet, aufgeführt zu werden.

Historische Räume, Musiksalon

Sonic Blossom (2013/2021) ist ein performatives Kunstwerk, das für die Dauer der Ausstellung täglich von klassisch ausgebildeten Opernsänger*innen aufgeführt wird. „Sonic Blossom entstand, als ich mich um meine Mutter kümmerte, während diese sich von einer Operation erholte. Franz Schuberts Lieder spendeten uns dabei großen Trost. Diese Lieder waren ein unerwartetes Geschenk, das uns beide beruhigte und ihren Heilungsprozess begünstigte.“ Die Sänger*innen gehen durch den Raum und richten eine einfache Frage an die Besucher*innen: „Darf ich Ihnen ein Lied schenken?“ Wird das Angebot angenommen, erhält man eine Einzeldarbietung eines Lieds von Franz Schubert (1797–1828). Dabei wird eines der folgenden Lieder gesungen: Du bist die Ruh‘, An den Mond, Frühlingsglaube, Nacht und Träume oder Auf dem Wasser zu singen. In dieser Arbeit wird die Möglichkeit ausgelotet, etwas derart Immaterielles und Intimes wie ein Lied geben und empfangen zu können. Im historischen Musiksalon von Franz von Stuck lautet die Frage, die man sich als Empfänger*in in dieser Situation stellt: Wie weit kann ich mich auf diesen Moment einlassen und mich diesem Geschenk des*r Singenden bzw. des Künstlers öffnen? Auf einem Holzstuhl sitzend wird man überwältigt von der Kraft der Musik – und auch von diesem intimen Moment der Begegnung inmitten eines Ausstellungsraumes. Das von dem Designer Akira Isogawa entworfene Kostüm – von Lee als „transformation cloak“ bezeichnet – kann aufgrund der Corona-Pandemie nicht von den Sänger*innen getragen werden und wird daher auf einer Kleiderpuppe präsentiert. Die Lieder werden Mittwochs und Freitags jeweils von 15 bis 18 Uhr sowie Samstags und Sonntags von 11:30 bis 17:30 Uhr für die Besucher*innen gesungen.

Villa Stuck, Untergeschoss

Wie viele Arbeiten von Lee beruht The Tourist (2001/2020) auf einer täuschend schlichten Idee. Lee schlüpft in die Rolle des „Touristen“ und bittet eine*n lokale*n Gastgeber*in, ihm die Stadt zu zeigen. Hieraus ergab sich eine Reihe persönlicher Touren, die Lee häufig von den ausgetretenen Pfaden wegführten, die Tourist*innen meist gehen. „In The Tourist kann ich eine Welt, die jemandem sehr vertraut ist, mit dessen Augen sehen. Und gleichzeitig eröffnet mein Blick der Person, die mich führt, eine neue Perspektive auf ihre alltägliche Umgebung.“ Das Projekt begann 2001, also lange bevor soziale Medien und die GPS-Technologie zu radikalen Veränderungen der Art und Weise führten, wie wir Urlaubsbilder, lokales Wissen und persönliche Routen durch Städte miteinander teilen. Hier werden zehn Reisen durch die Städte Tokio, Paris, New York, Berkeley, Tainan, Kunitachi, Boston, Taipeh, Jakarta und Berlin gezeigt. In der Installation werden die Fotos von Lee und die der Gastgeber*innen nebeneinander projiziert – ein Spiel mit der klassischen Urlaubsfoto-Diashow. Jede*r Gastgeber*in führt in die jeweilige Präsentation ein und wählt die Musik für den Soundtrack. Die Arbeit thematisiert noch ein weiteres typisches Merkmal von Tourist*innen: das Souvenir. In einer Vitrine werden Gegenstände ausgestellt, die Lee und seine Gastgeber*innen während der Touren zusammengetragen haben. Diese Souvenirs sind Erinnerungsträger, die unterschiedliche Reiseziele versinnbildlichen und absichtlich ohne Beschriftung gezeigt werden. So bleibt es den Besucher* innen überlassen, die Souvenirs einem Ort zuzuordnen. Einige Schachteln bleiben leer und warten darauf, auf einem der nächsten Ausflüge gefüllt zu werden. Bedauerlicherweise konnte es in München wegen der Corona-Einschränkungen nicht, wie geplant, erweitert werden.

Villa Stuck, Studiolo

Als Lee Mingwei sein Masterstudium der Bildhauerei an der Yale University in New Haven begann, setzte er sich mit Zeitlichkeit in der Performancekunst auseinander. The Dining Project (1997/2021) wurde als einjähriges Unterfangen konzipiert, in dessen Verlauf Lee jeden zweiten Abend für eine ihm unbekannte Person kochte. Bei den Mahlzeiten handelte es sich um schlichte Kost: Reis mit Huhn, Tofu und gebratenes Gemüse. Seit seiner ersten Präsentation 1998 im Whitney Museum of American Art in New York hat sich das Projekt kontinuierlich weiterentwickelt. In der VILLA STUCK können Besucher*innen über eine Verlosung an diesem Werk teilnehmen, das sich vom Dining Project zur Teezeremonie gewandelt hat. An jedem Dienstagnachmittag können die nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Personen an einer digitalen Teezeremonie mit Lee Mingwei teilnehmen. In Nicht-Corona-Zeiten sitzen Gast und Gastgeber*in auf einer eigens für diesen Zweck angefertigten Plattform, umgeben von schwarzen Bohnen. Für Lee versinnbildlichen die Bohnen – die sich wie Samen einpflanzen lassen – das, was durch ein schlichtes, geteiltes Mahl „aufkeimen“ kann.

Alle Zitate von Lee Mingwei stammen aus dem Katalog zur Ausstellung.