Start > Ausstellungen > Karl Wilhelm Diefenbach. »Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen!« - 29. Oktober 2009 bis 31. Januar 2010

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Der Kulturrebell Karl Wilhelm Diefenbach erhielt seinen Impuls aus der Krise seiner Zeit. Als er 1872 nach München kam, war das wilhelminische Reich begründet und der deutsch-französische Krieg gerade beendet. Ohne einen Blick auf die Zeichen der Zeit und ihre Dokumente eines »irdischen Jammertals« ist der lebenslange Kampf Diefenbachs nicht zu verstehen. Seine »Waffen« wie Nacktheit, Natürlichkeit, Körperlichkeit und Freiheit wandten sich direkt gegen die autoritäre, prüde und materialistisch-mechanistische Welt des Kaiserreichs und so führt die Ausstellung durch all jene Themenbereiche, die es laut Diefenbach zu revolutionieren galt.

Die teils großformatigen Gemälde des Künstlers sind zumeist monumentale Allegorien seiner Reformideen. Was er predigte und lebte, malte er auch. Einzigartiger Höhepunkt und Auftakt der Ausstellung ist das gemalte Manifest seiner Ideale von befreiender Nacktkultur und kindlicher Natürlichkeit , Vegetarismus und Pazifismus: Der monumentale Fries »Per aspera ad astra« (1892) zeigt auf 34 Leinwänden mit einer Gesamtlänge von 68 Metern das persönliche Glaubensbekenntnis des Künstlers, das in Szenen nackter, kindlicher Fröhlichkeit an dem Betrachter vorüberzieht. Bereits in diesem Frühwerk verarbeitete Diefenbach all die Themen, die er in späteren Phasen variieren und vertiefen wird.

Diese werden anschließend in verschiedenen Werken beleuchtet. Mit »Du sollst nicht töten« (1895) beispielsweise schuf Diefenbach ein Plädoyer für gelebten Vegetarismus, für den Verzehr von naturbelassenen Lebensmitteln und gegen Genussmittel wie Alkohol und Tabak. Die Debatte um die Würde jedes Lebewesens, um Tierschutz und Vegetarismus ging nicht zuletzt von ihm aus und zielte schließlich auf einen generellen Pazifismus und einen Zustand konfliktfreier Koexistenz, nicht nur von Mensch und Tier − Vegetarismus wurde quasi zum Mittel gegen den Krieg stilisiert.

Auch die aufkommende Kleidungsreform und die Nacktkultur brachten Ende des 19. Jahrhunderts ein grundlegendes Anliegen der Lebensreform zum Ausdruck: die Befreiung des menschlichen Körpers von den Zwängen enger und überflüssiger Kleidung, von Schamgefühl und sexuellen Traumata. Die Vereinigung mit etwas Elementarem, dem Licht, der Sonne, der Luft , wurde Motiv in der bildenden Kunst. Diefenbachs Jünger Fidus schuf mit dem »Lichtgebet« (1894) das Hauptwerk der frühen Nudismus-Bewegung. Jener hing dem »Meister« Diefenbach ebenso an wie der »freien Liebe« und dem Kampf gegen das »Zwangsinstitut« Ehe mit dem Ziel sittlich höhere Formen der geschlechtlichen Gemeinschaft zu etablieren.

Hinsichtlich der philosophisch-spirituellen Haltung galt es, sich vor allem vom Christentum zu emanzipieren. Diefenbachs Suche nach einer Religion dogmenloser »Menschlichkeit«, nach mystischen Mächten in der durchgöttlichten Natur, führte ihn zu exotischen Philosophien und in einen gesteigerten Subjektivismus, der in Nietzsches Ideal vom Übermenschentum kulminierte. Visionäre Szenen zeigen ihn in Anwesenheit des christlichen Erlösers oder sogar als Erlöser selbst. Sein gegürtetes »Christusgewand« war demnach auch äußeres Zeichen seiner Selbsteinschätzung als neuer »Prophet« (um 1892). Seine geplanten Tempelbauten eines neuen Kultus finden in Bildwerken mit utopischem Charakter ihren Ausdruck.

Sein Motivspektrum mündete auf Capri in großformatigen symbolistischen Landschaften, welche die Eindrücke der Insel ebenso wie die Landschaften seines Seelenlebens spiegeln. Beispiele dieser Phase leiten am Ende der Ausstellung über zu den Werken dreier Schüler Diefenbachs, František Kupka, Fidus und Gusto Gräser.

Was in Diefenbachs Spätwerken zu erahnen ist, wurde bei seinem Schüler František Kupka manifester Stil: die Aufwertung des Geistes gegenüber Materialismus und Verwissenschaftlichung, die künstlerische Avantgarde, die Abstraktion. Dagegen bediente der Diefenbach-Jünger Fidus indirekt und esoterisch überlagert die nationalsozialistische Propaganda für den »neuen Menschen«. Erst in Ascona auf dem Monte Verità wurde Gusto Gräser, einer der konsequentesten Propheten aus Diefenbachs Geiste, zum Prediger eines ökologischen Utopia.

Neben Diefenbach gewähren diese drei Künstler der nächsten Generation einen Einblick in die Entwicklung einer facettenreichen Kulturreform, die Diefenbach vor Augen hatte.