Start > Ausstellungen > Tiffany in neuem Licht. Clara Driscoll und die Tiffany Girls - 15. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010

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Zur Ausstellung: Tiffany in neuem Licht

Louis C. Tiffany (1848-1933) galt als das künstlerische Genie hinter den kreativen Unternehmungen der Tiffany Studios, und es ist oft angenommen worden, dass die Lampen, Fenster und Luxusobjekte der Firma ausnahmslos von ihm entworfen wurden. Obwohl unbestreitbar ist, dass Tiffany die richtungsweisende Kraft der Firma darstellte, rückt diese Ausstellung erstmalig die Frauen hinter den Kulissen in den Mittelpunkt, die anonym blieben aber dennoch erhebliche Beiträge zur Herstellung jener Meisterstücke leisteten, die heute untrennbar mit dem Namen Tiffany verbunden sind.

Eine Entdeckung aus dem Jahre 2005 rettete diese unbekannten Künstlerinnen vor der Vergessenheit: die gesammelte Korrespondenz Clara Driscolls (1861–1944), der Leiterin der Frauenabteilung für Glasschneiderei der Tiffany Studios. Hunderte von Briefen, die an der Queens Historical Society in New York City und der Kent State University Library in Ohio erhalten sind, identifizieren Driscoll als die Designerin vieler der unverwechselbaren Lampenschirme und zahlreicher anderer Tiffany-Objekte. Ihre Korrespondenz unterstreicht auch die wichtige Rolle der unter ihrer Aufsicht arbeitenden »Tiffany-Girls« – der jungen Frauen, die für die Auswahl und den Zuschnitt des Glases für Fenster, Mosaike und Lampenschirme zuständig waren. Driscolls Briefe, seltene Schilderungen aus erster Hand, gewähren Einblicke in die tagtäglichen Aktivitäten in den Tiffany Studios.

Clara Wolcott Driscoll kann in vieler Hinsicht als eine typische Vertreterin der jungen Frauen gelten, die im späten neunzehnten Jahrhundert in Scharen in die Stadt New York strömten, um dort, insbesondere in dem aufkeimenden Wirtschaftszweig der angewandten Kunst, eine solide Anstellung zu erlangen.

Die Erfahrungen einer unabhängigen, berufstätigen Frau im New York der Jahrhundertwende gewähren aufschlussreiche Einblicke in das Leben der Mittelschicht. Als eine derjenigen Einwohnerinnen New Yorks, die eine angesehene Laufbahn in einem künstlerischen Beruf einschlugen, verkörperte sie einen neuen urbanen Typus, der die vom Viktorianischen Zeitalter geprägte Rolle der Frau neu definierte. Diese »neue Frau« zeichnete sich durch ihre Unabhängigkeit aus, ihre Finanzkraft, ihre Teilnahme am kulturellen Geschehen und ihre Fähigkeit, das Leben über das traditionelle familiäre Heim hinaus sinnvoll zu gestalten.

Geboren in Tallmadge, Ohio, schloss Clara Driscoll im Jahr 1882 die Cleveland’s Western Reserve School of Design for Women ab und besuchte in Folge die Metropolitan Museum Art School in New York City. Um 1888 begann ihre Anstellung im Hause Tiffany, wo sie sich bald als fähige Designerin erwies; aufgrund ihrer Eheschließung mit Francis S. Driscoll verließ sie die Firma jedoch im Jahr 1889, da die Konventionen es verlangten, dass verheiratete Frauen nicht berufstätig sein durften. Nach dem verfrühten Tod ihres Mannes im Jahr 1892 kehrte sie zurück und übernahm die Leitung der neu gegründeten Frauenabteilung für Glasschneiderei, in der zeitweise rund fünfunddreißig Mitarbeiterinnen beschäftigt waren.

Neben der Führung einer beträchtlichen Zahl an Mitarbeiterinnen konzipierte Driscoll die Designs für ein breites Spektrum an Objekten; tatsächlich basieren die meisten Lampenschirme und Mosaikfüße Tiffanys auf ihren Entwürfen. Ihre Lampe »Dragonfly« wurde auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 mit einem Preis ausgezeichnet, und im Jahr 1904 fand sie in einem Artikel der New York Daily News über gut verdienende Frauen Erwähnung. Doch abgesehen von diesen seltenen Momenten der öffentlichen Anerkennung blieb Clara Driscoll unbekannt,

Clara Driscolls und Louis C. Tiffanys produktive Zusammenarbeit wurde durch ein gemeinsames Kunstverständnis beflügelt; unter anderem teilten sie die Liebe zur Natur und die Wertschätzung schöner Materialien. Glas war das Material, das Tiffany am meisten faszinierte, und Driscolls Designs nutzten Innovationen in Farbe, Textur und insbesondere auf dem Gebiet des irisierenden Glases, auf dem die Glashersteller Tiffanys Pionierarbeit leisteten, voll aus. Obwohl sie für gewöhnlich selbstständig arbeitete, erwiesen sich Tiffanys Weisungen als fruchtbare Inspiration und sie tauschte sich regelmäßig mit ihm über ihre Ideen aus.

Clara Driscolls Erfahrung in der Realisierung von Tiffanys Bleiglasfenstern und Mosaiken prädestinierte sie für das Entwerfen von Lampen mit Bleiglasschirmen und mosaikverkleideten Füßen. Etwa im Jahr 1898 begann sie mit ersten Versuchen auf dem Gebiet des Lampendesigns. Bereits früher war bleigefasstes Glas gelegentlich für Lampendesigns verwendet worden, aber in den 1890er Jahren hatten Öllampen mit Schirmen aus geblasenem Glas den Schwerpunkt gebildet. Im Jahr 1898 schlug die Firma mit einem Mal eine neue Richtung ein und konzentrierte sich stattdessen auf Lampen mit Schirmen aus bleigefasstem Glas. Ob dies nun auf Driscolls Idee zurückzuführen ist oder nicht – auf jeden Fall wurden ihr und ihrer Abteilung die Verantwortung für das Design und die Ausführung aller bleigefassten Lampenschirme mit Motiven, die von der Natur inspiriert waren, übertragen. Sie konzipierte viele der unverwechselbaren Tiffany-Lampen, wie die »Dragonfly« und die »Wisteria«. Aus ihrer Korrespondenz geht überdies hervor, dass die Idee, Glasmosaike zur Verzierung der bronzenen Lampenfüße zu benutzen, gleichfalls von ihr stammte.

Bleiglasfenster, die sowohl zu sakralen Zwecken als auch für Privathäuser angefertigt wurden, zählten zu Tiffanys wichtigsten Kreationen. Entwurf und Ausführung machten eine Vielzahl unterschiedlicher Arbeitsschritte sowie eine enge künstlerische Zusammenarbeit der Mitarbeiter erforderlich. Frauen zeichneten für gewöhnlich die Kartonvorlagen in Originalgröße und waren für die Auswahl und den Zuschnitt des Glases verantwortlich, wohingegen Männer für die Verbleiung und das endgültige Zusammenfügen der Teilstücke zuständig waren. Vor allem aber war es die Faszination Tiffanys für intensive Farbgestaltung und interessante Texturen, die zu dem immensen Erfolg dieser Fenster führte.

Glasmosaike stellten einen weiteren wichtigen geschäftlichen Aspekt innerhalb der Tiffanysstudios dar, und auch hier kam der Frauenabteilung für Glasschneiderei eine zentrale Rolle bei der Ausführung zu. Die Firma warb für diese monumentalen und kostspieligen Wandgestaltungen als »praktisch unzerstörbar, mit unbegrenztem Spektrum an Farben und Texturen«.

Schreibtischzubehör, Kerzenhalter, Pflanzenständer und ähnlich nützliche Gegenstände, die die Tiffany Studios produzierten, wurden unter dem Überbegriff »fancy goods« (Geschenkartikel) vermarktet. Wie aus Clara Driscolls Korrespondenz ersichtlich wird, hatte sie kontinuierlich neue Ideen. Diese kleinen, doch äußerst attraktiven Objets de vertu versorgten die Frauenabteilung für Glasschneiderei zu Zeiten mit Arbeit, in denen sich neue Aufträge für Fenster und größere Mosaike nur spärlich einstellten.

Kurz vor der Jahrhundertwende erweiterte Tiffany sein Unternehmen und integrierte Email sowie einige Jahre später auch Keramik. Obwohl diese neuen Artikel noch immer seinen Namen trugen, waren es doch Mitglieder der weiblichen Belegschaft, die ihre eigenen Entwürfe realisierten. Alice Gouvy und Lillian Palmié, gute Freundinnen und Kolleginnen Clara Driscolls, entwickelten die Designs für die ersten emaillierten Vasen und Gefäße und in Folge auch für die Keramikobjekte. Unter anderem erklärt der enge Zusammenhalt unter den Frauen die Konformität, durch die sich die zahlreichen Produkte der Tiffany Studios trotz der Beteiligung vieler unterschiedlicher Hände und Materialien auszeichneten.

Clara Driscoll verließ die Tiffany Studios im September 1909 kurz vor ihrer Eheschließung mit Edward Booth und beendete damit ihre Karriere als einflussreiche kommerzielle Künstlerin. Obwohl ihre kreative Energie später in das Bemalen von Seidenschals floss, sollte ihr nie wieder ein ähnlicher Grad an Erfolg zuteil werden, wie sie ihn während ihrer Glanzzeiten in den Tiffany Studios erreichte. Zu einer Zeit, als Frauen, die eine berufliche Karriere anstrebten, mit beträchtlichen Widerständen zu kämpfen hatten, war Driscolls beruflicher Erfolg eine außerordentliche Leistung.

Womöglich ist die zeitliche Übereinstimmung zufälliger Natur, doch nach Clara Driscolls Ausscheiden aus der Firma scheinen die Aktivitäten der Frauenabteilung für Glasschneiderei – sowie auch das Lampengeschäft der Tiffany Studios im Allgemeinen – rückläufig gewesen zu sein. Die Buchhaltung der Abteilung verzeichnete in den Jahren 1909 und 1910 eine extrem reduzierte Belegschaft von nur fünf Frauen und eine sehr begrenzte Zahl an produzierten Lampenschirmen.