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Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

11. Februar bis 24. Mai 2010
Christoph Brech Passagen. Videos, Fotos, Installationen

»Das Wichtigste ist das Beobachtete«, so beschrieb der begnadete Spaziergänger Joseph Roth die Essenz seiner Poesie. Das Gefundene, nicht das Erfundene steht auch im Zentrum der künstlerischen Arbeit von Christoph Brech. Der mehrfach preisgekrönte Foto- und Videokünstler Brech (Jg. 1964, lebt in München) sammelt sein Material unterwegs, auf Reisen. Er verdichtet es zu klaren und ruhigen Bildern voller poetischer Kraft. Ähnlich einem guten Flaneur besitzt Christoph Brech ein ganz eigenes Gefühl für Raum und Zeit und ein Sensorium für außergewöhnliche Perspektiven. Seine Kamera verwandelt Phänomene des Alltags oder der Natur in Meditationen über Schönheit und Vergänglichkeit: »Schauen Sie nur, das ist eine wirkliche Schule des Sehens!« – rief die berühmte FAZ-Fotografin Barbara Klemm bei einem Vortrag von Christoph Brech.

Das Museum Villa Stuck präsentiert mit neun Videoinstallationen, zahlreichen Fotografien und Installationen aus den letzten Jahren die bisher umfangreichste Einzelausstellung von Christoph Brech in München, darunter die eigens für die Ausstellung entstandene Installation Emma und Andreas. Abseits der repräsentativen Räume des Malerfürsten Franz von Stuck verweist Brech mit Objekten aus dem Nachlass seiner Großeltern auf einen verborgenen, privaten Bereich, der auch in der Münchner Künstlervilla seinen Platz hatte.

Das Museum zeigt ferner ausgewählte Aufnahmen aus dem Römischen Tagebuch, das 2006 während Brechs Stipendium an der Villa Massimo entstand, sowie Bilder aus der jüngsten Fotoarbeit des Künstlers, Vatikan 21/11, vom November 2009. Nicht zuletzt treffen sich Franz von Stuck und Christoph Brech auch in der Liebe zu Rom.

Christoph Brech hält mit seiner Kamera fest, was selbstverständlich scheint, ohne seinen Blick aber ungesehen und unbeachtet bliebe. Im Video-Film Punto (2006) reflektiert sich die urbane Landschaft Roms im Lack eines durch die Stadt fahrenden Fiats. Der Punto, selbst ein Spiegel der italienischen Moderne, wird zur Projektionsfläche, auf der ein zerfließendes Porträt der „ewigen Stadt“ entsteht, kommentiert vom Chor der urbanen Geräusche. Wie im klassischen Roadmovie spiegelt sich im Flüchtigen die Frage nach der Ewigkeit.

Passagen durchziehen das gesamte Werk von Christoph Brech. In Transito (2007) konturiert der schwingende Vorhang im Eingangsbereich einer Kirche den Übergang aus einer profanen Umwelt in den Bereich des Sakralen. Der bewegte Stoff wird zur Metapher, die weit über das Offensichtliche hinausweist. In den Wellenbewegungen des Vorhangs spiegeln sich die Interferenzen der Zeit. Der Film Trapasso (2008) zeigt verwitterte, abgetretene Grabplatten, mit denen beschädigter Boden im Kirchenraum repariert wurde. Relikte der Erinnerung verwandeln sich zurück in das, was sie waren, Bruchstücke des Profanen.

In Break (2004) wird der vereiste St. Lorenz-Strom Abbild einer archaischen Natur, die sich aus sich selbst versteht. Auch die spektakuläre Gewalt, mit der ein Eisbrecher die Ordnung des Naturraumes in zwei Hälften bricht, kann ihr nur vorübergehend etwas anhaben. Wenn sich das Eis wieder schließt, wird die Gewalt der menschlichen Intervention umso mehr Sinnbild für die ihr eigene Hinfälligkeit.

Die Seestücke (2004) sind Fotografien Christoph Brechs, die eine Überseepassage von Genua nach Montreal dokumentieren im täglichen Blick auf das Meer aus einer stets gleichen Perspektive zur stets gleichen Zeit. Das an die Tradition maritimer Malerei angelehnte Fotologbuch wird ergänzt von Brechs Film Passage (2003), einem ganz anderen Blick auf die gleiche Reise: ein Wasserglas, das klassische Stilllebenrequisit, wird zum Seismografen für die Bewegungen von Schiff, Meer und Licht.

Rhythmus und Tempo überlässt Brech dem Gegenstand der Betrachtung. Seine Arbeitsweise zeichnet sich aus durch größtmögliche Einfachheit der Mittel und Strenge der Konzepte. Trotz der Konzentration auf Details und Bruchstückhaftes, ist Christoph Brechs Arbeitsweise sinfonisch. Die Nähe zur Musik ist greifbar in den Werken Brechs wie in jenen Franz von Stucks, nicht nur, wenn der Künstler dies unorthodox offen legt über das Faltenspiel im Frack eines Dirigenten wie in der filmischen Gewandstudie Opus 110a. Auch in anderen Arbeiten verweist die Musik auf den Raum, den der Künstler mit seinen Verdichtungen jenseits von Malerei, Film und Fotografie konturiert: den Raum, in dem die Melancholie der Vergänglichkeit und die Offenheit für das Dauerhafte verschmelzen.