Start > Ausstellungen > Uwe Lausen. Ende schön alles schön - 24. Juni bis 3. Oktober 2010

Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

Zur Ausstellung: Uwe Lausen. Ende schön alles schön

Uwe Lausen wird 1941 als Sohn des späteren SPD-Politikers und Bundestagsabgeordneten Willi Lausen in Stuttgart geboren. Schon früh beginnt die Rebellion des Einzelgängers gegen seine Umwelt, zunächst Schule und Elternhaus, später gegen die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Sein ursprüngliches Ziel war es, Schriftsteller zu werden: Bereits 1957 unterschreibt er Briefe in der für ihn typischen Mischung aus Hybris und Wissen um die eigene Begabung mit »Uwe Lausen (der Autor)«. Ein Philosophie- und Jura-Studium bricht der musisch, künstlerisch und intellektuell Hochbegabte nach nur wenigen Monaten ab. Kurze Zeit wirkt er an der gemeinsam mit seinem Schulfreund Frank Böckelmann 1961 in München gegründeten Literaturzeitschrift »ludus« mit. Bald jedoch verlagert sich sein Interesse hin zur Malerei. Grund dafür mag die beginnende Freundschaft mit den Malern der Münchner Künstlergruppe SPUR (1957–1965) gewesen sein, über die er in Kontakt zur »Situationistischen Internationale« (1957–1972) tritt, jener revolutionären und international aktiven Vereinigung von Künstlern, Literaten, Architekten und Filmemachern in Europa unter der Führung von Guy Debord und Asger Jorn. Die frühen Gemälde Lausens aus den Jahren 1961 und 1962 zeugen stark von diesem Umfeld, aus dem er besonders die informell figurativen Ansätze Asger Jorns und der Gruppe SPUR für seine Bildsprache geltend macht.

Ab 1963 beginnt eine Phase des Experimentierens, innerhalb der Lausen sein Orientierungsfeld stark erweitert. Dabei bedient er sich oft der Gestaltungselemente anderer Maler, um sie ungeniert gegeneinander ins Bild zu setzen. So wird der expressionistische Gestus durch eine brüchige Ornamentik, die Friedensreich Hundertwasser zum Vorbild nimmt, gezügelt. Lausen bleibt fasziniert vom menschlichen Körper, seiner Fähigkeit, Lust und Qualen auszudrücken. Und sucht Anregungen bei Francis Bacon. Die Ergebnisse dieser intensiven Auseinandersetzung finden sich zunächst 1964 und 1965 in brutal verstümmelten »Körperklumpen« wieder: Abstrakt biomorphe Formen kollidieren mit realistisch gemalten Details. Die Leinwände werden in rechteckige Bildfenster geteilt. Unvermittelt finden sich abstrakte Ornamente über dem Ganzen, so als hätte jemand das Gemälde mit einem Stempel entwerten wollen. Die Beschäftigung mit den Themen Fleisch und Körper bleibt für Lausens Werk phasenübergreifend relevant, ebenso wie beispielsweise das Interesse für ornamentale Strukturen, für Gewalt oder für das Wechselspiel zwischen Figuration und Abstraktion. Mit diesen Ansätzen, die das Spannungsfeld Malerei bis zu seinen Grenzen ausloten, erarbeitet er sich ein höchst eigenständiges Formenrepertoire.

1965/66 bricht Lausen, der immer wieder zwischen intensiven Arbeitsphasen, Drogenexzessen und psychischen Tiefs, zwischen Empfindsamkeit und Aggression pendelt, mit seiner bisherigen Bildsprache und führt einen kühlen Realismus in sein Werk ein. Seine Kritik an der Gesellschaft und der Versuch, Widersprüche und Spannungen in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft aufzudecken, finden sich in seinen Bildern wieder. Dabei kristallisieren sich Themenkomplexe heraus, etwa »der Künstler als Killer«, »Faszination Sex und Gewalt« oder »das Wohnzimmer als Tatort«. Die Wohnzimmer deutscher Neubauwohnungen – immer wieder durch Blümchentapeten, Sitzmöbel und dicke Teppiche angedeutet – bleiben dabei nicht nur verhasstes Substitut für das vor Biederkeit erstarrende Wirtschaftswunder. Spätestens ab 1967 wird es gleichsam Ort des Verbrechens, des Mordes, Selbstmordes und der Vergewaltigung.

Nur wenige Monate bevor der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten niedergeschossen wurde, arbeitet Lausen an einer Serie von »Soldatenbildern«. Sie zeigt schwarz-weiß kontrastierende uniformierte Söldner, die mit Maschinengewehren um sich schießen. Bildtitel aus dieser Zeit lauten »Der deutsche Killer«, »Jagd auf das letzte Fleisch« oder »Der weinende General«. Zahlreiche Fotos von Lausens Frau Heide Stolz aus der zweiten Hälfte der 1960er Jahre atmen dieselbe kühle Gewaltfaszination, die nichtsdestotrotz als scharfe Kritik an staatlicher Willkür und Repression zu verstehen ist. Uwe Lausen wiederum orientierte sich – sowohl im Hinblick auf Bildperspektiven als auch auf bestimmte Personentypen – an den Fotos seiner Frau.

In der Wahl der Stile und Farben ist Lausen spätestens ab 1965 am Pulsschlag seiner Zeit. Als gerade eine klare, an der Pop Art orientierte Bildsprache, die international zum visuellen Markenzeichen der jungen Generation werden sollte, im Entstehen begriffen ist, arbeitet er schon selbstverständlich mit deren Vokabular. Die Reduktion auf reine Licht- und Schattenmalerei lässt das Dargestellte flächig erscheinen, ungewöhnliche Perspektiven und Verzerrungen bringen die dargestellten Räume ins Schwanken oder lösen sie zugunsten monochromer Flächen auf. Die verschiedenen Handlungsebenen werden parallel und oftmals ohne kausalen Zusammenhang wiedergegeben. Intensive ungemischte Farben schaffen in Kombination mit Schwarz und Weiß Distanz zur Wirklichkeit.

1968 zieht Uwe Lausen zusammen mit seiner Frau Heide und den beiden Töchtern Lea und Jana nach München. Sein Atelier im Bauernhof in Aschhofen hat er bereits 1967 aufgegeben. In München entstehen nun die Arbeiten der letzten Phase seines künstlerischen Werks. Der Maler wendet sich zunehmend ab von der bislang im Mittelpunkt seines Interesses stehenden Beschäftigung mit der menschlichen Figur. Gegenstände wie Tuben, Rohre, Wasserhähne, Kloschüsseln und Waschbecken sind die fortan dominierenden Motive. In Flachheit und Reduktion künstlerisch scheinbar zu einem Endpunkt gekommen, gibt Lausen das Malen spätestens 1969 vollständig auf, um in stundenlangen, teils meditativen Sessions zusammen mit dem späteren Kinderbuchillustrator und Pianisten Hans Poppel Musik zu machen.

Sein Zustand verschlechtert sich zunehmend, und als ihn seine Frau nach mehreren kürzeren Trennungsphasen endgültig verlässt, sehen Freunde den letzten Rettungsanker in einem Auftrag für das Bühnenbild zu Peter Steins Skandalinszenierung von Edward Bonds »Early Morning« (1969) am Schauspielhaus Zürich. Nach rastlosen, von Verfolgungswahn geprägten letzten Monaten, unter anderem in Zürich, Sankt Gallen, München, Frankfurt und Darmstadt, nimmt sich Uwe Lausen, der zu diesem Zeitpunkt wegen Drogendelikten polizeilich gesucht wurde, im September 1970 im Haus seiner Eltern in Beilstein bei Stuttgart das Leben. Selbst wenn dieser Suizid Folge gesellschaftlicher Defizite sowie individueller psychischer Probleme und des verstärkten Missbrauchs von Drogen war, war er doch auch Ausdruck einer heute aufgrund ihrer Radikalität faszinierenden geistigen Haltung und wäre vielleicht nicht vollzogen worden, hätte der Künstler ihn nicht schon unzählige Male in Schrift und Bild vorweggenommen: »das ende meiner person ist genauso unvermeidlich wie das ende der menschlichen gesellschaft. Und so wie die menschheit werde auch ich meine endgültige bestätigung im endgültigen ende finden. (…) der sieg ist unvermeidlich.«