Start > Ausstellungen > Maß und Freiheit. Textilkunst im Jugendstil von Behrens bis Olbrich - 11. März bis 30. Mai 2010

Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

Zur Ausstellung: Maß und Freiheit

Tafeltücher aus Leinendamast sind seit Jahrhunderten Bestandteil der Inventare adliger Häuser und des Hofes. Mit dem Wechsel vom Handwebstuhl zur Jacquardmaschine seit dem frühen 19. Jahrhundert reduzierte sich zunächst die Kostbarkeit und Exklusivität solcher Textilien. Tafeltücher erfreuten sich zwar nach wie vor großer Wertschätzung, aber zu der bis dahin überwiegend aristokratischen Käuferschicht trat jetzt in zunehmender Breite das Bürgertum. Seitdem die Tücher durch neuartige Textilmaschinen und in preiswerteren Materialien – Baumwolle und farbigen Garnen – hergestellt wurden, waren sie einem größeren Kundenkreis zugänglich. Die Entwerfer der Muster blieben im 19. Jahrhundert noch weitgehend anonym. Nur in seltenen Fällen kennt man ihre Namen. Das änderte sich im Jahrzehnt ab 1890 grundlegend. Seither liegt der Wert kaum mehr im Material, sondern primär im Künstlerentwurf des Musters. Die Textilien erhielten damit einen anderen gesellschaftlichen und kulturellen Stellenwert

Das gilt sowohl für die „Muster im Rapport“ bei fortlaufender Meterware wie auch für die „abgepasste Ware“ nach einem vorgegebenen Maß, – Tischdecken und Servietten, die Gegenstand der Ausstellung sind. Der Wert dieser Tücher liegt nun nicht mehr im Material, sondern primär im künstlerischen Entwurf des Musters. Eine Besonderheit dieser Produkte bildet zudem die neuartige Verbindung von Künstlerentwurf und industrieller Fertigung. Dieses fortschrittliche Zusammenwirken von „Kunst und Maschine“ – wie die zeitgenössischen Beobachter gern formulierten – wurde in der Entstehungszeit der Werke vielfach als Problem empfunden. Die meisten der avantgardistischen Künstler sahen gerade darin aber eine stimulierende künstlerische Herausforderung und waren sich zudem der weitreichenden kommerziellen Möglichkeiten bewusst, die diese Ware bot.

Die Ausstellung behandelt das Aufkommen des speziellen Zusammenwirkens von Kunst und Industrie und das Auftreten von „Werkbundideen“ noch vor dessen Gründung 1907. Die Künstler und die publizistischen Wortführer dieser neuen Kunst schrieben ihr vielfach eine erzieherische Funktion bei der erstrebten generellen Geschmacksverbesserung des Publikums zu. Mit der Forderung, Gegenstände des täglichen Gebrauchs nach Künstlerentwürfen massenhaft herzustellen, hatten sie besonders die Zielgruppe der Frauen an der Schaltstelle ihres Wirkens, bei der Einrichtung des Hauses, im Auge. Mit dem qualitätvollen Angebot der Textilien sollten die Frauen zu Stilsicherheit und Kultur überhaupt erzogen werden.

Viele der gezeigten Objekte sind problemlos zu identifizieren, manche aber auch sehr schwer mit bestimmten Künstlernamen zu verbinden. Als Quelle für die hier vorgenommenen Zuschreibungen dienen zeitgenössische Zeitschriften mit Abbildungen und Berichten über Textilausstellungen und Wettbewerbe. Auch zwei erhaltene Archive in den Textilzentren Stuttgart-Laichingen und Bielefeld bieten die Grundlagen für zahlreiche Bestimmungen und Datierungen. Die erste dieser Firmen ist heute noch in Besitz umfangreicher Musterbücher mit Stoffproben als Exempel für den Typus der farbigen „Gartentischdecke“, die zweite – eine der bedeutendsten Leinendamastfirmen – bewahrt noch sämtliche Dekore in Form von Servietten, in Vertreterbüchern mit Stoffprobenabschnitten, in Preislisten und Korrespondenzen. Einige Entwurfszeichnungen der herausragenden Jugendstilkünstler Otto Eckmann, Joseph Maria Olbrich und Richard Riemerschmid ergänzen die Darstellung des Entstehungsprozesses der ausgestellten Textilien.