Start > Ausstellungen > Die Sammlung Gunter Sachs. Von Max Ernst bis Andy Warhol

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Zur Sammlung Gunter Sachs*

Schön früh entwickelte Gunter Sachs einen Sinn für die Kunst und das Schöne. Über sein Elternhaus und die Familie wurde er bereits während seiner Kindheit und Jugend, die er ab 1935 in der Schweiz verbrachte, an die Welt der schönen Künste und das Sammeln herangeführt. Er las die Kunstbücher seiner Mutter, Elinor von Opel, und sammelte Tierbilder aus Zigarettenbeilagen. Im Alter von 16 Jahren tätigte er seinen ersten Ankauf, – einen Druck von Eugène Delacroix. Sein Interesse spannte sich in einem großen Bogen von der Faszination für die Ballettmädchen Edgar Degas' über die Blaue und Rosa Periode Picassos und den deutschen Expressionismus bis hin zu den Werken des Surrealismus. 1957, nach erfolgreich beendetem Studium, zog er als 22-Jähriger nach Paris. Für die Ausstattung seines exklusiven Appartements in der Avenue Foch wählte er Bilder aus, die seinem subjektiven Geschmack entsprachen, eine dem Zeitgeist entsprechende dekorative Ästhetik widerspiegelten und einen Hauch von Erotik im Genre Degas' und Jean-Gabriel Domergues' verströmten. Die Stadt Paris, damals Zentrum der europäischen Kunstwelt und noch geprägt vom Glanz der Belle Époque, schlug ihn, wie er später einmal sagte, »in ihren Bann und machte mich peu à peu zum bescheidenen Sammler.«

Dank seines regen Kontakts zur Pariser Gesellschaft und der beachtlichen Gewinne, die er als ehemaliger Mathematikstudent im Kartenspiel »Ecarté« erzielte, wurde es ihm bald möglich, sich der Kunst der großen Meister zuzuwenden: Er kaufte ein Werk von Picasso sowie Bilder der Surrealisten Victor Brauner und Max Ernst. Entscheidende Anreize für den Aufbau einer Kunstsammlung, die »das Beste aus zwei oder drei Kunstperioden« seiner Zeit umfassen sollte, lieferten schließlich direkte Kontakte zu bekannten und noch unbekannten Künstlern, die nicht selten zu lebenslangen Freunden werden sollten. In der Brasserie »La Coupole« auf dem Montparnasse, wichtiger Ort des kulturellen Austauschs, kam er in Berührung mit Künstlerpersönlichkeiten der Stunde: den »Nouveaux Réalistes« César, Arman und Yves Klein, einer Gruppierung um den Kunstkritiker Pierre Restany, die unter Verwendung neuer Techniken und Materialien, vor allem von Abfallprodukten und Plakatabrissen, die Demontage der erhabenen Künste proklamierte und ein neues Bild der Realität schaffen wollte.

Daneben sammelte Sachs Kunstwerke der Gruppierung »Informel«, einer Strömung der Abstraktion, die als parallele europäische Entwicklung zum Abstrakten Expressionismus in den USA zu sehen ist und ihre Ursprünge im Paris der 1940er und 1950er Jahre hat. Im »Informel« ist der Schaffensprozess einer unterbewusst gesteuerten Spontaneität untergeordnet und es besteht die Forderung nach Formlosigkeit. Das Teppichgeschäft von Samy Tarica, der für viele Kunstsammler als Berater tätig war, wurde für Gunter Sachs zu einer Brücke hin zu einem der bekanntesten Wegbereiter des »Informel«: Jean Fautrier, dessen Bilder zum Herzstück seiner Sammlung werden sollten. Neben Werken von Fautrier, – von den noch in traditioneller akademischer Manier ausgeführten Akten der Schwarzen Periode bis zu den Blättern aus seinem reifen Bilderzyklus der »Otages« aus den 1949er Jahren und darüber hinaus, erstand Sachs bei Tarica auch Werke der Surrealisten, darunter ein Gemälde von Max Ernst aus der Forêt-Serie.

So entstand in den Jahren von 1958 bis 1968 der Kern der Kunstsammlung von Gunter Sachs, in der die Vorreiter des »Informel«, Jean Fautrier, Wols und Hans Hartung inklusive dem Tachisten Mathieu gleichberechtigt stehen neben der Avantgarde der »Nouveaux Réalistes«, vertreten durch César Baldaccini, Arman, Yves Klein, Mimmo Rotella und Jean Tinguely. Daneben sind auch die Surrealisten zu finden, die Gunter Sachs seit seinen jungen Jahren faszinierten: Giorgio de Chirico und Salvador Dalí.

In den 1960er Jahren erkannte Gunter Sachs das revolutionäre Potential der amerikanischen Pop-Art. Sein Turmappartement im Palace-Hotel in St. Moritz ließ er von befreundeten Künstlern der Pop-Art wie etwa Tom Wesselmann, Andy Warhol, Allen Jones und Roy Lichtenstein ausstatten. 1974 trafen die von Warhol angefertigten Konterfeis von Gunter Sachs und seiner ehemaligen Frau Brigitte Bardot ein, die den Salon des Appartements schmücken sollten. Außerdem kamen in dieser Zeit weitere Arbeiten des »Nouveau Réalisme« hinzu wie zum Beispiel die Assemblage »Allegro Furioso« von Arman sowie surreale Gemälde von Magritte und de Chirico.

1972 eröffnete er mit der ersten umfangreichen Warhol-Ausstellung in Europa die von ihm selbst als »Galerie engagée« bezeichnete Galerie in der Milchstraße in Hamburg-Pöseldorf. Nachdem sich für Warhols Bilder keine Interessenten fanden, kaufte Sachs selbst einige davon, deren Wert sich nur wenige Jahre später ins Unermessliche steigern sollte. Sein Townhouse in Manhattan, das er 1987 gemeinsam mit dem italienischen Industriellen Gianni Agnelli erwarb, gestaltete er im langen Foyer als Galerie von 40 Schwarz-Weiß-Fotografien Warhols, die 1976 bis 1979 bei Partys der High-Society entstanden waren und unter dem Titel »Social Disease« bekannt sind. In seine Suite im Schlosshotel Velden am Wörthersee hielt das Phänomen der »Street-Art« Einzug. 2006 sprühten Siegfried von Koeding (»Dare«) und Ata Bozaci alias »Toast« ihre Pseudonyme auf die Wände seines Schweizer Appartements. Dabei ergänzten sich die Schriftzüge je nach Blickwinkel zu neuen Bildeinheiten. In den 2000er Jahren begann Sachs außerdem, in diversen New Yorker Galerien Graffitis auf Leinwänden zu erwerben: »Schon als Kind liebte ich Graffiti, ihre Kunst und Stärke, aber auch die Ahnung einer Gefahr, die sie auf mich ausströmten.«

So befinden wir uns heute vor einer der bedeutendsten europäischen Privatsammlungen moderner und zeitgenössischer Kunst, – Zeugnis eines bewegten Lebens in einer bewegten Zeit, in der die Kunst neue Wege geht und die akademischen Fesseln aus vergangenen Zeiten sprengen will; eine Sammlung, die vom Mut eines Pioniers und dem grandiosen Auge eines Idealisten voller Passion und Leidenschaft berichtet, von Geselligkeit und Freundschaft, Glamour und Schick vergangener Jahrzehnte; eine Sammlung, in der die Trennung zwischen Kunst und Leben aufgehoben ist, entsprechend Gunter Sachs' Überzeugung, dass »Kunst dazu da ist, um mit ihr zu leben«, wie Sachs' ältester Sohn Rolf es in einem Interview über seinen Vater ausdrückt. Alles in allem ein einzigartiges Stück Zeitgeschichte.

* (vgl. Otto Letze »Gunter Sachs – Ein Leben mit der Kunst« im Katalog zur Ausstellung)