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Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

16. Januar – 23. März 2014

RICOCHET #8. Jan Paul Evers

In der Ausstellungsreihe RICOCHET zeigt das Museum Villa Stuck als achte Position Arbeiten des 1982 in Köln geborenen Künstlers Jan Paul Evers in dessen erster musealer Einzelausstellung. Jan Paul Evers folgt mit seinen Werken einem erweiterten Fotografiebegriff: In seinen künstlerischen Arbeiten im fotografischen Verfahren erobert er den Raum, schafft ihn neu und bannt ihn schließlich auf Papier, wobei die Spur eines Objektes manchmal sichtbar bleibt, andere Male gänzlich unkenntlich wird. Nicht das Motiv steht im Zentrum von Evers’ Arbeiten, sondern das Medium selbst.

RICOCHET #8. Jan Paul Evers, Museum Villa Stuck, München, 2014, Foto: Nikolaus Steglich

In seinen kontemplativen fotografischen Werken, allesamt Unikate, geht Evers den technischen und gestalterischen Möglichkeiten des Mediums Fotografie nach und nimmt es als Ausgangspunkt, die Fotografie wie auch ihr Verhältnis zur Kunst zu untersuchen. Er beschäftigt sich nicht nur mit der Geschichte und Ästhetik der Fotografie, sondern darüber hinaus mit der Frage von Authentizität, Realität und Wahrnehmung, mit Sehweisen, Objektivierung, wie auch mit der Technik und den Gestaltungsmöglichkeiten von Fotografie.

In einem gemischt technisch-analogen und elektronisch-digitalen Herstellungsprozess, der durch mechanische und chemische Verfahren in der Dunkelkammer vollendet wird, erstellt Evers seine Arbeiten in Schwarz-Weiß: In einem allmählichen und komplexen Bildfindungsprozess montiert er Bilder unterschiedlichster Provenienz als Versatzstücke zu einem neuen Motiv. Aus Aufnahmen mit der eigenen Kamera oder dem Handy sowie angeeigneten Vorlagen – abfotografierte Bilder oder Stills, zudem Bilder aus dem Internet – erstellt er Matrizen und Negative und bearbeitet diese anschließend in der Dunkelkammer mithilfe klassischer und experimenteller Techniken.

Evers interpretiert die von ihm gesuchten und gefundenen Bilder: Neben Verlängerung und Verkürzung von Belichtungszeiten und einer kontrastreichen Gestaltung einzelner Elemente verwendet er wiederholt geometrische Schablonen aus Graupappe, um Linien zu ziehen, Flächen freizustellen, Räume zu schaffen, neue Elemente hinzuzufügen und schließlich gegenständliche Objekte zu gegenstandslosen Formen werden zu lassen. Aus der Summe dieser Gestaltungsmittel erwirkt Evers einen zeichnerischen und malerischen Effekt, der an die Ästhetik des bildmäßigen Sehens der piktorialistischen Fotografie Anfang des 20. Jahrhunderts anzuschließen sucht und zudem auf das »neue Sehen« und die Fotografie des Bauhaus der 1920er-Jahre rekurriert. Als Vertreter einer zeitgenössischen Kunstproduktion bedient sich Evers des Formenvokabulars der Kunst der Moderne und öffnet diese durch Transformation einer Neubetrachtung.

Im Gegensatz zu einer narrativen, essayistischen oder konzeptionellen Fotografie stellt Evers in seinen Unikaten das einzelne Motiv in den Mittelpunkt. Der Motivkanon oszilliert dabei zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Mit Bildern der Südsee, aus China oder der Wüste nimmt Evers Bezug auf die klassische Landschafts- und Naturdarstellung in der Fotografie. Parallel dazu zeigt er konkrete Architekturzusammenhänge und urbane Räume, wie sie in Städten wie Monaco oder Köln zu finden sind. Diese konkreten Räume weisen zum Teil bereits ein hohes Maß an Abstrahierung auf. Manche der Motive mögen auf den ersten Blick ungegenständlich erscheinen, bei genauerer Betrachtung erschließt sich jedoch ein konkreter Bezug.

Diesen Ansatz entwickelt Evers weiter, indem er den Inhalt des Bildes zurücknimmt und gänzlich ungegenständliche Räume und Flächen entstehen lässt. Diese führt er sodann – in einer Steigerung differenzierter Grauwerte, mittels grafischer Flächen – zur reinen Abstraktion. Damit schafft er es, sich in der Bildfindung von der der Fotografie immanenten Abhängigkeit von der sichtbaren Wirklichkeit zu befreien. Evers formuliert so seine persönliche Sichtweise. Seine abstrakten Motive erinnern zum Teil an andere Künstler – etwa an Kurt Schwitters’ dadaistische De-Konstruktion des Merzbaus –, aber auch an beliebig erscheinende architektonische Details, wie sie in gewöhnlichen Innenräumen zu finden sind.

Evers poetische Werke erschöpfen sich nicht an der Oberfläche, sondern sind hintergründige Reflexion über Geschichte und Technik der Fotografie. In seiner minutiös durchdachten Bildfindung kristallisiert der Künstler neue Motive heraus und schafft damit ausschließlich Unikate. Am Ende steht ein einziges Bild, das sich der unendlichen Reproduzierbarkeit analoger und digitaler Fotografie verweigert. Angesichts der heutzutage fast unbegrenzten Verfügbarkeit von Bildern geben die nicht wiederholbaren Motive Evers Anlass zur vielschichtigen Reflexion über den Umgang mit dem Medium Fotografie sowie dessen Abbildungs- und Authentizitätscharakter.

Eine Ausstellung des Museums Villa Stuck. Kuratorin: Sabine Schmid