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Unter Spielern – Die Nationalmannschaft

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Bewegung, verdichtet auf diesen einen Moment, der herausgearbeitet wird aus einer schier unerschöpflichen Flut an Szenen, die sich vor unseren Augen abspielen. Einer Flut, der wir tagtäglich ausgesetzt sind, und der Regina Schmeken ihre präzisen Schwarz-Weiß-Aufnahmen entgegenstellt. Die Präzision entsteht als Prozess: von der Aufnahme, der Komposition durch den Sucher (»alte Schule«, so nennt Regina Schmeken das selbst) bis zur nachträglichen Belichtung und Bildbearbeitung. Durch die Lichtsetzung entsteht das Bild, wird zum subjektiven Moment: »Mein Thema ist die Subjektivität des Objektivs, das heißt eine subjektive Wahrnehmung mit der scheinbar so objektiven Technik der Fotografie.«

Der langjährige Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Claus Heinrich Meyer, war prägend für deren journalistischen Stil, und äußerte sich auch über die Fotografien von Regina Schmeken, die seit 1986 den Blick auf das politische Geschehen – weit über ihre Arbeit für die Zeitung hinaus – veränderten. Für Schmeken, die bis dahin ausschließlich nicht angewandt in ihrem Medium gearbeitet hatte, ergab sich das Spannungsverhältnis aus künstlerischer und politischer Fotografie, letztere als Auftrag aus und für eine Redaktion. Ein Widerspruch, der sich für die Zeitung als Glücksfall erweisen sollte, und für Schmeken den Rahmen bildete, die eigene subjektive Bildsprache im Kontext eines Massenmediums täglich vor den Augen der Öffentlichkeit überprüft zu wissen. Im Vorwort zur Publikation »Geschlossene Gesellschaft. Photographien 1989–1993« schreibt Meyer: »Ein gutes Geschick fügte es, dass Regina Schmeken den freien Raum verließ und als Weltkind in die 'politische Photographie' eintauchte. Seitdem beobachtet sie auf ihre Weise für die Süddeutsche Zeitung 'die Welt' – die Welt, ihre Helden und Anti-Helden.« Im weiteren nennt er es »das subjektive Übersetzerpatent, die subjektive Augenblickserkennung der Regina Schmeken« und schließt mit dem Satz: »Die zart erscheinende, beharrlich insistierende Photographin Regina Schmeken macht sichtbar in ihrer Retrospektive die ungeheuer kurze Verfallszeit großer Augenblicke.«

45 Fotografien aus der Serie »Unter Spielern – Die Nationalmannschaft« – entstanden zwischen Anfang 2011 und der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine – zeigt Regina Schmeken in ihrer ersten großen Einzelausstellung in München seit 2002. Mit ihren Bildern von einzelnen Spielern, die in sich gekehrt auf dem Rasen liegen, deren Körper vor dem Kameraobjektiv miteinander zu verschmelzen scheinen, oder scharf herausgeschnittenen Körperteilen, Beinen, Füßen, einem Torso, verknüpft Schmeken den Kampf und die Dynamik des Fußballs mit dem eindringlichen Blick auf die Philosophie des Spiels, der sich auch zahlreiche Autoren in ihren Texten widmen. Sie selbst sagt hierzu: »Das ist ein Moment, wo diese ganze Anstrengung um den Ballbesitz sichtbar wird, um nichts anderes geht es die ganze Zeit. Die Spieler sind viel mehr als nur Athleten, sie bringen Opfer, sie geben ihr Äußerstes. 'Am Ball bleiben' – das steht ja genau für Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen.«

Am konsequentesten hat diese Schnittstelle von Fußball und Bildender Kunst der in Berlin lehrende Kunsthistoriker Horst Bredekamp beschrieben – der den Fußball einmal als »letztes Gesamtkunstwerk« bezeichnet hat. In seiner Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung von Regina Schmeken im Martin-Gropius-Bau sagt Bredekamp: »Indem sie herausragende Augenblicke des Spiels vermeidet, in dem sie Nebenszenen in den Mittelpunkt stellt, und indem sie geometrischen Strukturen nachgeht, die auf Synchronität wie auf Kontraste abzielen, hat sie eben das Kunststück vollbracht, den Fußball durch eine Art ästhetische Distanzierung in seinem Wesenszug zu erkennen. Durch diesen Distanzgewinn einer eigenen geometrischen Argumentation, einer kompositionellen Konstruktion - auch hier wieder diese Gegenüberstellung der beiden Rücken oder dort, diese gegnerischen Paare, die Rücken an Rücken stehen - durch diesen Distanzgewinn der auf das Distanzierte gleichsam zurück fliegt, wird es der Fotografin möglich, das Wesen dieses Mannschaftssports in seiner Individualität wie auch in seiner Gruppendynamik und schließlich in seiner kämpferischen Attraktion, wie auch in seiner abstrakten Schönheit zu erschließen.«

Neben den Arbeiten aus »Unter Spielern« präsentiert das Museum Villa Stuck eine Auswahl früherer Fotografien, die die unterschiedlichen Kontexte aufzeigen, in denen sich Regina Schmeken dem Thema Bewegung seit langer Zeit nähert. Die siebenteilige Serie »Semâ« aus dem Jahr 2004 ist eine faszinierende Studie über die Bewegungsmeditation türkischer Derwische. Durch die serielle Anordnung der Arbeiten erstreckt sich ein suggestiver Bewegungstaumel über die Länge von knapp über zehn Metern, in den der Betrachter förmlich hineingedreht wird. Drei Fotoarbeiten aus drei Jahrzehnten werden zusammen mit dieser Installation im selben Raum gezeigt, im Fokus der Betrachtung die Beine als Fortbewegungsmittel des Menschen. Aus der international bekannten Serie »Die neue Mitte« stammt die Aufnahme des Äginetenfrieses in der Münchner Glyptothek von 1986. Sie wird flankiert von zwei bisher noch nicht ausgestellten Aufnahmen: ein Bild der Haute-Couture-Schauen in Paris aus dem Jahr 1997, sowie die Bewegungsstudie einer Läuferin, entstanden während der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin. Beide Arbeiten vervollständigen diesen Nachspann, der einen tiefergehenden Einblick in die Studien von Regina Schmeken erlaubt.

Regina Schmekens unverkennbarer Schwarz-Weiß-Stil zieht den Betrachter, um im Fußballjargon zu bleiben, „in die Tiefe des Raumes“, während das Zusammenspiel aus Komposition und Lichtführung größtmögliche Konzentration erzeugt: »Das Fotografieren ist für mich eine ständige Reflexion und eine Reaktion auf das was uns umgibt. Früher bin ich mit dieser Auffassung übrigens ziemlich angeeckt. In den siebziger Jahren sahen die meisten die Fotografie als Mittel zur objektiven Dokumentation. Für mich war die Kamera immer schon ein hoch entwickelter Bleistift, mit dem ich sozusagen mit Licht zeichnen und einen sehr persönlichen Stil entwickeln kann. Darum sind meine Bilder schwarz-weiß. Es geht um Schreiben mit Licht. Ohne das Licht würde diese Welt nicht existieren.«

Alle Zitate von Regina Schmeken aus einem Interview mit Art Online, geführt von Werner Bloch, anlässlich der Ausstellung im Dortmunder U, bis 28. September 2014