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Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

28. März bis 9. Juni 2014

Der Stachel des Skorpions
Ein Cadavre exquis nach Luis Buñuels »L’Âge d’or«

Tobias Zielony, Chicks on Speed, M+M, Keren Cytter, Julian Rosefeldt und
John Bock

Luis Buñuels Film »L’Âge d’Or« gilt als der zentrale Film des Surrealismus und als grundlegend für den Einzug des Mediums Film in die bildende Kunst. Sein Einfluss auf die zeitgenössische Kunst – insbesondere auch auf erzählerische Tendenzen der letzten Jahre – ist unübersehbar. Für das Projekt »Der Stachel des Skorpions« haben das Museum Villa Stuck und das Institut Mathildenhöhe Darmstadt auf Initiative des Künstlerduos M+M sechs aktuelle Künstlergruppen bzw. Künstlerinnen und Künstler eingeladen, dieses surrealistische Werk in Form eines filmischen Ausstellungsparcours neu zu interpretieren.

Der Stachel des Skorpions, Museum Villa Stuck, München, 2014, Foto: Katrin Schilling

Film als multimediale Ausdrucksform für die bildende Kunst fruchtbar zu machen, kennzeichnet den Ansatz der Surrealisten. Mit »L’Âge d’Or« (1930) versuchte Luis Buñuel, eine gesellschaftliche Wirksamkeit mit radikalen, teils skandalträchtigen Mitteln zu entfalten – unter besonderer Berücksichtigung eines durch die Imagination erweiterten Wirklichkeitsbegriffs. Diese Merkmale kennzeichnen auch wesentliche aktuelle künstlerische Positionen. Sechs zeitgenössische bildende Künstlerinnen und Künstler, die sich des Mediums Film bedienen, werden jeweils auf eine der sechs heterogenen Episoden der filmischen Vorlage reagieren und diese aus ihrer Sicht umsetzen.

Der Filmverlauf von »L’Âge d’Or« folgt dem Konstruktionsprinzip eines Cadavre Exquis und besteht aus sechs einzelnen, lose verbundenen Gliedern bzw. Sequenzen. Buñuel selbst hat in der ersten Filmszene diesen Aufbau der sechs zu einem Körper verbundenen Erzählungen hervorgehoben, indem er auf die sechs Glieder des Skorpion(-schwanzes) hinweist und den giftigen Stachel (»l’humeur venimeuse«) am Schluss besonders betont. Entsprechend endet sein Film mit dem giftig-humorvollen Schluss der De Sade-Szene.

Die Episoden in »L’Âge d’Or« sind durch unterschiedliche inhaltliche sowie stilistische Merkmale gekennzeichnet, die für die Auswahl der beteiligten Künstler/innen entscheidend ist. Tobias Zielony setzt sich mit der dokumentarisch anmutenden, abgründigen Skorpionszene des Filmanfangs auseinander. Die australisch-amerikanische Musik-Künstlergruppe Chicks on Speed entwickelt ihre Version heutiger Gruppenselbstdarstellung als Pendant zu der Banditenszene mit Max Ernst als
surrealistischer Bandenchef. Das Duo M+M nimmt die gewaltsame Trennung der Liebenden zum Ausgangspunkt einer mysteriösen nächtlichen Odyssee, während die israelische Künstlerin Keren Cytter das hochherrschaftliche Fest mit einer Mischung aus tödlicher Gewalt und Langeweile in einen texanischen Salon überträgt. Der Berliner Julian Rosefeldt führt den Tod des Buñuelschen Helden vor, lässt Modot dann aber post mortem im Nachtclub »Deep Gold« auftauchen. Den Abschluss bildet John Bocks Variation auf Buñuels De-Sade-Groteske mit einem verstörend obszönen Blick auf das
orgiastische Sterbebett des Marquis.

Die Surrealisten, als eine der einflussreichsten Künstlergruppen des 20. Jahrhunderts, knüpften hohe Erwartungen an die neue Gattung Film. 1930, zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, versprach er, ein optimales Mittel für die politische Neuausrichtung der Gruppe zu sein. Aus heutiger Sicht scheinen sowohl die inhaltliche Ausrichtung, aber auch die damals erprobten Arbeitsstrategien des Films wieder ausgesprochen aktuell. Die international namhaften Künstlerinnen und Künstler schaffen für die Ausstellung ein Gesamtkunstwerk, das skulpturale, performative, filmische und auch musikalische Qualitäten miteinander vereint. Vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen entsteht im gruppendynamischen Zusammenspiel und gleichzeitig höchst individuell ein experimentelles Manifest, das den Begriff des »Goldenen Zeitalters« heute erneut auf die Probe stellt.

Ein Projekt des Museums Villa Stuck und des Instituts Mathildenhöhe, Darmstadt, künstlerische Leitung: M+M
Vorbesprechungen: Frankfurter Rundschau, Hessischer Rundfunk

Gefördert durch die
Kulturstiftung des Bundes