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Der Stachel des Skorpions

Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung

in der Reihenfolge der Filme


1. Skorpionszene
Tobias Zielony, geboren 1973 in Wuppertal, lebt und arbeitet in Berlin

Zielony verlegt die Eröffnungsszene des Films nach Palästina. In einem dunklen, von Schwarzlicht beleuchteten Raum hantieren verschiedene junge Frauen konzentriert und ruhig an einem Tisch. Schrittweise erkennt man, dass sich auf dem Tisch Skorpione befinden. Einige bewegen sich, andere sind tot. Die jungen Frauen schieben einen Skorpion mit ihren Händen schrittweise weiter. Schließlich sieht man das Tier, wie es sich ruckweise durch das Bild bewegt. Zielonys Ausgangspunkt ist, wie in früheren Arbeiten, reines Beobachten. Im Verlauf des Films verändert sich die Perspektive jedoch,
bedeutet das scheinbar naive Spiel der jungen Frauen mit den Tieren auch ein Spiel mit dem Tod: »Das Projekt in der Westbank anzugehen und zu verwirklichen, bietet sich an, denn hier gibt es ja Skorpione – im Gegensatz zu Deutschland. Zusätzlich gibt es vor Ort das Projekt Animating Palestine. Dabei lernen Jugendliche mit Stop Motion Animationen zu produzieren. Ich habe mit einigen Schülerinnen und ihrer Biologielehrerin zwei tote und einen lebenden Skorpion animiert.« (Tobias Zielony in einem Interview mit art-Online)


2. Räuberszene
Chicks on Speed (Melissa Logan, geboren 1970 in Spring Valley, New York, lebt und arbeitet in Hamburg, und Alex Murray-Leslie, geboren 1970 in Bowral, Australien, lebt und arbeitet in Barcelona)

Die Chicks on Speed widmen sich der Banditenszene, für die Buñuel Max Ernst als Chef der Bande einsetzte. Im Beitrag der Chicks on Speed ist es eine Girl Gang, die in futuristischen Kostümen durch die australischen Wüste streift und dabei auf Goldgräber, Aborigines und Kängurus stößt. Leitmotiv für den Ausstellungsbeitrag der Chicks on Speed ist die Figur des Trickster. Über diesen schreibt C. G. Jung: »Der Trickster ist ein >kosmisches< Urwesen göttlich-tierischer Natur, dem Menschen einerseits überlegen vermöge seiner übermenschlichen Eigenschaften, andererseits unterlegen vermöge seiner Unvernunft und Unbewußtheit. Auch dem Tiere ist er nicht gewachsen, wegen seiner bemerkenswerten Instinktlosigkeit und Ungeschicktheit. Diese Defekte kennzeichnen seine menschliche Natur, welche den Umweltbedingungen schlechter angepaßt ist als ein Tier, dafür aber die Anwartschaft auf eine viel höhere Bewußtseinsentwicklung, das heißt eine beträchtliche Lernbegierigkeit besitzt, welche auch durch den Mythos gebührend hervorgehoben wird.« Das Künstlertum als gesellschaftlicher Gegenentwurf, diesen Mythos des künstlerischen Outlaws und seine Philosophie, beleuchten die Chicks on Speed in ihrem Beitrag.


3. Stadtgründung Roms
M+M (Marc Weis, geboren 1965 in Daun, und Martin De Mattia, geboren 1963 in Rheinhausen, beide leben und arbeiten in München)

Ein Motiv in Buñuels Film ist das des Verhaftens und Abführens: das Liebespaar wird in der Insellandschaft gefasst und weggeschafft. M+M verfolgen ein ähnliches Motiv in ihrem Beitrag, der nachts bei vollkommener Dunkelheit mit Infrarotkameras an verschiedenen urbanen Schauplätzen, unter anderem im Garten der Villa Stuck, gedreht wurde. Ein versteckt liegendes Pärchen (Birgit Minichmayr, Christoph Luser) wird von zwei Gestalten aufgegriffen, M+M: »Schauplatz: vielleicht Rom. Ein Mann und eine Frau werden einzeln abgeführt. Auf beiden Seiten werden sie jeweils von denselben Männern flankiert. Polizisten in Zivil? Sittenwächter? Bewegungsmomente und Eindrücke erinnern an aktuelle Fälle von Festgenommenen und Abgeführten, deren Verhaftung quasi rituell in den immergleichen Bildern öffentlich präsentiert wird. Ständig werden Menschen medienwirksam abgeführt, aber nur kurz, vor der Kamera, von einem Ort zum nächsten, z.B. in ein Fahrzeug. In Episode 3 wird ständig abgeführt. Damit muss man sich arrangieren. Abgeführt-Werden ist der Zustand.«


4. Herrschaftshaus
Keren Cytter, geboren 1977 in Tel Aviv, lebt und arbeitet in Berlin und New York

Im Beitrag von Keren Cytter bricht zum ersten Mal, direkt und unvermittelt, rohe Brutalität in die Szenerie. Alltägliche Gewalt und Liebe als Utopie, die beiden Leitmotive gehen eine explosive Allianz ein in den grell ausgeleuchteten Bildern von Cytter. Eine Bar irgendwo in den USA, ein Pärchen betritt den Raum, Gespräche laufen, ein scheinbar ruhiger Feierabend beginnt. Doch schnell entspinnen sich unheilvolle Dialoge, ein Mann flirtet mit der Barkeeperin, flüstert ihr später über das Münztelefon in der Bar und nur wenige Meter von ihr entfernt stehend, Worte der Begier und der Lust zu. Waffen werden gezogen, Eifersüchteleien schlagen in Streit um. Eine Frau stirbt in den Armen eines Mannes, der entgeistert und fassungslos den leblosen Körper in seinen Armen hält. Am Ende stirbt ein Kind, wie in Buñuels Film, hinterrücks und sinnlos erschossen vom eigenen Vater.


5. Garten/Park
Julian Rosefeldt, geboren 1965 in München, lebt und arbeitet in Berlin

Julian Rosefeldt nimmt die Erzählung von »L’Âge d’Or« konkret auf: »Ich habe ein Stück Film ergänzt bzw. insertiert und zwar nach dem Amoklauf von Modot in seinem Schlosszimmer und vor dem Epilog in der Burg des Duc de Blangis. Inspiriert von der feministischen Szene, in der Lya Lys, die Geliebte des Protagonisten, ihre Lust dem alten Dirigenten zuwendet. Ein Paukenschlag in dem Film, über den seltsamerweise wenig geschrieben wurde, obwohl er – anders als die anderen in dem Film begangenen Tabubrüche (Blasphemie, Kindsmord, Tierquälerei, etc.) – hier eine konkrete gesellschaftskritische, emanzipatorische Lesart zulässt und für seine Zeit bahnbrechend radikal war.« Rosefeldts Beitrag ist klassischer Film, gedreht in Schwarz-Weiß, als gesellschaftliche Analyse mit Mitteln der phantastischen Verrückung: »[In meinem Film] landet Modot nach seinem Fenstersprung und seiner >Wiedergeburt< in einer Welt voller starker, selbstbewusster Frauen, was ihn einigermaßen überfordert. Mein Beitrag karikiert aber in gewisser Weise auch den Alice Schwarzer-Feminismus, der
Frauen auf ihren Intellekt reduziert und ihnen nicht zugestehen mag, auch ihre Sexualität und Weiblichkeit mit feministischer Energie einzusetzen; kurzum: sich als Frauen und nicht als Männer zu emanzipieren.«


6. De Sade
John Bock, geboren 1965 in Gribbohm, lebt und arbeitet in Berlin

John Bock nennt seinen Ausstellungsbeitrag »Härchen mit Momsen«. Es treten auf die Magd Claire, der Marquis de Sade, ein Priester namens Benjamin, dazu gesellt sich das La-La-Girl Lisa. Im Verlauf von drei Szenen tauchen allerlei Requisiten und Fetische auf, am Schluß dann die Orgie. Der Priester resümiert: »Alles Gute endet in der Pieta-Stellung.« John Bock dringt förmlich in das Innere des Schlosses Selligny ein, das in Buñuels Film von außen zu sehen war. Darin findet er den alten Marquis de Sade selbst, offensichtlich immer noch lüstern und »altersgeil« auf dem Sterbebett. Bock zu seinem Beitrag: »Mein Film befasst sich mit der Handlung im Inneren des Schlosses, das was kurz von Jesus angedeutet wird. Ich filme überwiegend in meinem Atelier. Es werden verschiedene Bühnen und Sets aufgebaut, in denen Puppen und Schauspieler agieren. Es kommen auch Instrumente, Modelle und Diagramme vor. Objekte ersetzten Personen und umgekehrt. Es tauchen seltsame Mutation Kostüme auf. Diese Quasi-Me's verändern sich im Laufe des Films. Geplant ist es, während des Drehs performativ weitere Szenen zu entwickeln.« Buñuels Bezug von De Sade auf den heuchlerischen Katholizismus seiner Zeit, löst Bock mit Bildern des absolut Bösen und Apotheosenrhetorik auf in einen Zustandsbericht der sexualisierten Gesellschaft unserer Tage.