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Hans Christiansen (1866 – 1945)

Leben und Werk

Hans Christiansen war einer der vielfältigsten Künstler seiner Zeit. Ganz im Geiste des Jugendstils verstand er sich als Universalkünstler: Sein Schaffen umfasst Gemälde, Möbel, Glasfenster, Plakate, Gläser, Keramik und Mode. Die Entwürfe sind Musterbeispiele des deutschen Jugendstils.

Der gebürtige Flensburger verbrachte prägende Jahre in Hamburg und Paris und wurde bald zum gefragten Künstler. Als Vermittler der Avantgarde aus Paris wurde er kurz vor der Jahrhundertwende an die Künstlerkolonie Mathildenhöhe nach Darmstadt berufen und verwirklichte dort sein Konzept des Gesamtkunstwerks, sein Wohnhaus die Villa „In Rosen“. Die Retrospektive schließt nicht nur diese fruchtbare Darmstädter Zeit ein, sondern widmet sich auch dem künstlerischen Schaffen der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Der einst berühmte Künstler konnte nicht mehr an seine Erfolge in Darmstadt anknüpfen und geriet nach seinem Tod fast in Vergessenheit.

Hamburg 1886 – 1895
Nach seiner Lehre und Gesellenprüfung als Dekorationsmaler in Flensburg ging Hans Christiansen 1886 nach Hamburg. Hier arbeitete er in der Werkstatt des Innenarchitekten Peter Gustav Dorén, bis er 1887 ein Studium an der Königlichen Kunstgewerbeschule München begann. 1889 nach Hamburg zurückgekehrt, machte sich Christiansen als Dekorationsmaler selbstständig und lebte in einem Netzwerk von Kunsthandwerkern und Künstlern, die mit dem Kunstgewerbeverein und dem Volkskunst-Verein in Verbindung standen. Dazu zählten neben Dorén auch der Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe, Justus Brinckmann, der Kunstgewerbler Oskar Schwindrazheim und der Lithograf Carl Griese.
1893 reiste Christiansen zur Weltausstellung in Chicago. Hier empfing er wesentliche Impulse für sein weiteres Schaffen. Neben der Begeisterung für japanische Kunst und die Glaskunst der Firma Tiffany wurde die Begegnung mit dem Hamburger Kunstglaser Karl Engelbrecht entscheidend. In Hamburg arbeitete Hans Christiansen vor allem auf dem Gebiet der Wand- und Deckenmalerei. Daneben entstanden zahlreiche Entwürfe für Plakate, Illustrationen und Postkarten sowie für erste Kunstverglasungen.

Paris 1895 – 1899
Im Herbst 1895 begann Hans Christiansen in Paris ein Studium an der privaten Académie Julian. Der Künstler war in Hamburg zu der Erkenntnis gelangt, dass er nur in Paris, damals Hauptstadt der Künste seine Fähigkeiten voll entfalten könnte. Kunden aus dem Deutschen Kaiserreich und Frankreich bestellten bei ihm Entwürfe für Kunstverglasungen, Plakate, Postkarten, Verpackungen, Keramiken, Wirkereien, Lederarbeiten sowie Buch- und Zeitschriftenschmuck. Die unterschiedlichen Aufträge ermöglichten es Christiansen, seine künstlerischen Fähigkeiten zu erweitern. Seine Entwürfe für die Münchner Zeitschrift „Jugend“ – namensgebend für den Jugendstil – erregten in seiner Heimat große Aufmerksamkeit.
In Paris lernte er 1897 seine spätere Ehefrau Claire aus der jüdischen Kaufmannsfamilie Guggenheim kennen. Der Schrank aus der Wohnung des jungen Ehepaars in der Rue Lafayette, ebenfalls von Christiansen entworfen, ist in der Ausstellung samt Entwurfszeichnung zu sehen.

Darmstadt 1899 – 1901
Im Deutschen Kaiserreich zog die Kunst des Wahlparisers bald die Aufmerksamkeit des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein auf sich. Dieser reiste im Jahr 1898 nach Paris, um Christiansen als ersten Künstler der von ihm bald zu gründenden Künstlerkolonie Darmstadt zu gewinnen. Christiansen nahm den Ruf an und begann im Sommer 1899 mit Joseph Maria Olbrich, Peter Behrens und weiteren Architekten, Kunsthandwerkern und Künstlern seine Arbeit in Darmstadt. Die Mitglieder der Künstlerkolonie erhielten ein festes Einkommen und mussten im Gegenzug Entwürfe für heimische Firmen anfertigen. 1901 fand auf der Mathildenhöhe unter dem Titel „Ein Dokument deutscher Kunst“ die erste große Ausstellung der Künstlerkolonie statt: Sie präsentierte neben Kunsthandwerk verschiedenster Art, Gemälde, Skulpturen und Grafiken, komplett eingerichtete Wohnhäuser, ein Theater, ein Atelier- und ein Ausstellungsgebäude, sowie von Christiansen gestaltete Illuminationsfeste. Im Rahmen dieser Ausstellung entstand die Villa „In Rosen“, in deren Innenräumen Christiansen die vielen Facetten seiner Kunst zeigte.

Wiesbaden 1911 – 1945
Hans Christiansen verkaufte im Jahr 1911 seine Villa „In Rosen“ und siedelte nach Wiesbaden über. Dort bezog er mit seiner Familie unweit des Kurhauses eine luxuriöse Wohnung in der vornehmen Wilhelmstraße. Im neuen Domizil gestaltete Christiansen kontrastreich zwei aneinandergrenzende Räume: Der „Schwarze Salon“ wartete mit von ihm entworfenen Möbeln im strengen Wiener Jugendstil auf und im „Goldenen Salon“, der hier in der Ausstellung präsentiert wird, zeigte sich die Formensprache des Klassizismus. Nach der vom Kunsthandwerk geprägten Zeit in Darmstadt konzentrierte sich Christiansen mehr auf seine Malerei, die je nach Sujet oder Auftrag einen repräsentativen oder einen experimentellen Charakter haben konnte. Er gestaltete weiterhin Werbegrafiken und Modezeichnungen für verschiedene Firmen. Zentral in seinem Œuvre wurden in der Wiesbadener Zeit seine philosophischen Schriften, die er als seinen wichtigsten kulturellen Beitrag ansah. Nach Beginn der Nazidiktatur wurde Christiansen aus der Reichskunstkammer und der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, da er sich weigerte, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zulassen. Obwohl ihm dadurch die Möglichkeit verwehrte war zu publizieren oder auszustellen, schrieb und malte er weiter bis zu seinem Tod am 5. Januar 1945.