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Evelyn Hofer (1922 – 2009)

Zu Evelyn Hofer und ihren Fotografien

Als »berühmteste ›unbekannte‹ Fotografin Amerikas« benennt der amerikanische Kunstkritiker Hilton Kramer die Fotografin, deren vielseitiges Œuvre sich seit Ende der 1940er-Jahre über die Sujets Architektur, Landschaft, Interieur, Stillleben und Porträt erstreckt und sich besonders durch ihre berühmten Stadtporträts etwa über Dublin oder Washington auszeichnet.

1922 in Marburg geboren, geht Hofer nach der Emigration der Familie in die Schweiz (1933) und erwirbt im Jahr 1941 bei Hilmar Lokay, im Fotostudio Bettina in Zürich, bei Robert Spreng, Fotograf der Neuen Sachlichkeit mit Atelier in Basel, sowie bei Hans Finsler, Lehrer an der Kunstgewerbeschule in Zürich, als Privatschülerin und Lehrtochter die ersten Grundlagen ihres Berufs. Über die fotografische Fachausbildung hinaus sollte es später neben dem Zeichner und Karikaturisten Saul Steinberg der Maler Richard Lindner sein, der ihren Blick und ihr ästhetisches Empfinden schult. Evelyn Hofer ist in ihrer Bildauffassung stärker von der Malerei geprägt als von Vorbildern in der Fotografie – die Aussage, dass Fotografen Maler mit Licht seien, ist für Hofer mehr als treffend.

Mit Aufnahmen von 1941 werden erstmals Evelyn Hofers Fotografien aus ihrer Lehrzeit in der Ausstellung zu sehen sein: Darüber hinaus gewähren Fotografien von einer Reise in den Libanon, Aufnahmen von New York und aus Italien sowie aus Mexiko für ein Buchprojekt Einblicke in ihre frühe Farb- und Schwarzweiß-Fotografie.

Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Mexiko ab 1942, wo sie bei dem mexikanischen Magazin Mañana, das im Stile internationaler Illustrierter wie Life konzipiert war, erste Fotografien veröffentlicht, zieht Hofer im Jahr 1946 schließlich nach New York. Dort nimmt sie ihre freiberufliche Tätigkeit als Fotografin für Zeitschriften und Magazine auf und ist vor allem als Modefotografin für Harper’s Bazaar sowie später für die Vogue tätig. Darüber hinaus fotografiert sie für Werbung und Anzeigen.

Hofer etabliert mit ihren Stadtporträts charakteristische Motive und Themen, die sich durch ihr gesamtes Werk ziehen. Besonders ihre Porträts erinnern im formalen Aufbau an die Bildauffassung wie sie von August Sander bekannt ist, dessen Tradition sie eigenständig weiterentwickelte. Diese Stadtporträts bilden ein zentrales Kapitel in der Ausstellung.

Hofer arbeitet 1959 an ihrem ersten Buchprojekt über Florenz. Die Fotografien der Auftragsarbeit zur Illustration eines essayistischen Porträts über die toskanische Stadt weisen über eine vordergründige Illustrationen hinaus. Hofer sollte rückblickend festhalten, dass sie für diese Publikation ihre ersten, in ihrem charakteristischen Stil gehaltenen Fotografien fertigte. Bereits hier, wie auch in den folgenden bedeutenden Stadtporträts, stehen Hofers Fotografien Bilder eigenständig und parallel zum Textinhalt. Sie erkundet und beobachtet ihre Motive zunächst lange, lässt Licht und Atmosphäre auf sich wirken und greift erst spät zur Kamera, um einzufangen, was sie subjektiv erfasst – ein Vorgehen, wie es für ihre gesamte Arbeitsweise charakteristisch ist. In späteren Publikationen über London (1962), Spanien (1964), New York (1965), Washington (1966) und Dublin (1967) hält sie die Geschichte des Ortes und der Personen, die sie auf der Straße trifft, mit den ihr eigenen fotografischen Mitteln fest.

Aufträgen für die Time-Life Library in den späten 1960er-Jahren folgen in den 1970er-Jahren Foto-Essays für Magazine wie Life International, The New York Times Magazine oder das Londoner The Sunday Times Magazine. Dieser Werkkomplex nimmt einen weiteren zentralen Raum in der Ausstellung ein und wird erstmals umfassend präsentiert. Dem anspruchsvollen Charakter des fotografischen Essays entspricht Hofer mit ihrer Fähigkeit, sich in ein Thema einzufinden und sich auf eine Situation einzulassen, teils länger auf Reisen zu sein, vor Ort die »richtigen« Menschen und Räume zu finden, die der Geschichte Substanz und den Bildern Spannung verleihen und sich mit Hofers Erzählung über das Reale zu einer intendierten Geschichte fügen. Aufnahmen über die Watergate-Affäre (1974) sowie eine Serie über englische Gefängnisse (1975) und Wadowice (1979), die Heimatstadt von Johannes Paul II, geben Einblick in einen bedeutenden, bisher nahezu nicht beachteten Komplex in Hofers Werk.

Neben diesen Arbeiten sind Hofers charakteristische Künstlerporträts, Porträts von Literaten und berühmten Persönlichkeiten der späten 1970er- bis Mitte der 1990er-Jahre in einer Auswahl vertreten, etwa mit Aufnahmen von Saul Steinberg, Jean-Michel Basquiat oder von Andy Warhol. Parallel dazu sind Porträtserien unbekannter Modelle, wie etwa in Just Married (1974), Basque People (1980) oder People of Soglio (1991) zu sehen.

Als weiterer Werkkomplex entstanden über Jahre hinweg zahlreiche Interieurs namhafter Häuser und Villen für Magazine wie House and Garden und Connoisseur. Fotografien der Villa Medici in Rom oder des Maison de Verre in Paris sind klassische Kompositionen, die mit Detailaufnahmen teilweise ihr – ebenfalls präsentiertes – Spätwerk, die Stillleben, vorwegzunehmen scheinen.

Hofers Stillleben, eine in sich geschlossene Serie von nur acht Fotografien, zeigt in wenigen Aufnahmen die Essenz einer klassischen Stilllebenkomposition. Mit symbolischen Inhalten aufgeladen, zum dekorativen Vergnügen zusammengestellt oder aus rein malerischen Aspekten betrachtet, sind Hofers Stillleben Mimesis der Natur, folgen dem wirklichkeitsnahen Wesen der Fotografie und sind zugleich eigenständige Kunstwerke nach Vorbildern aus der Malerei. Hofer, die Malerin mit Licht, scheint in dieser ihrer letzten Serie den Unterschied zwischen Malerei und Fotografie in aller Konsequenz zu durchbrechen.

Hofers Leistung begründet sich neben ihrem meisterhaften Umgang mit Inhalt und Form darin, dass sie mit ihren Auftragsarbeiten Fotografien erstellte, die heute in einem künstlerischen Kontext verortet werden.