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Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

15. Januar – 15. März 2015

RICOCHET #9. Cyrill Lachauer. Full Service

RICOCHET, die Ausstellungsreihe mit zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, hat sich seit ihrem Beginn 2010 als fester Programmteil im Museum Villa Stuck etabliert. Im fünften Jahr ihres Bestehens hat sich das Museum Villa Stuck zu einer Öffnung der Reihe entschlossen, nämlich eine Einladung an externe Kuratorinnen und Kuratoren auszusprechen, ihre Ausstellungsvorhaben im Wechsel mit hauseigenen Projekten im Museum Villa Stuck zu präsentieren. In ihrer neunten Folge präsentiert das Museum Villa Stuck im Rahmen von RICOCHET den 1979 geborenen Künstler Cyrill Lachauer mit dessen erster institutioneller Einzelausstellung, kuratiert von Anna Schneider.

RICOCHET #9. Cyrill Lachauer. Full Service, Museum Villa Stuck, München, 2015, Foto: Katrin Schilling

Das multi-mediale Projekt »Full Service« von Cyrill Lachauer ist das Ergebnis zahlreicher Arbeits- und Forschungsreisen in den amerikanischen Westen. Seine Ausgangspunkte sind die Wüstenstadt Las Vegas, deren Glücks- und Extaseversprechen jährlich Millionen von Menschen anziehen, und die indianische Widerstands- und Revitalisierungsbewegung des »Ghost Dance«. Der »Ghost Dance«, ein Ritual des indianischen Messias Wovoka, führt Lachauer in das Hinterland des amerikanischen Nord- und Südwestens zwischen Las Vegas und Wounded Knee. Cyrill Lachauers dreijährige Auseinandersetzung mit dem Verständnis von Geschichte und Landschaft im Ausbreitungsgebiet des »Ghost Dance« münden nun in einen Werkkomplex aus Film, Video, Fotografie und Sound.

Für seinen Film »Full Service« identifiziert Cyrill Lachauer ein Geräusch, das aus dem lärmenden Klangteppich des nächtlichen Treibens der Stadt heraus sticht; es wird zum akustischen Trigger und Leitmotiv für den Film. Einmal wahrgenommen, verfolgt es den Betrachter durch die Straßen. Es ist das rhythmische Klatschen, das entsteht, wenn dicke Bündel kleiner Karten in einer bestimmten Technik aufeinander geschlagen werden. Mit diesem Trigger versuchen die oft illegal eingewanderten Mexikanerinnen, die Aufmerksamkeit potentieller Interessenten zu gewinnen. Sie verteilen die Visitenkarten von Prostituierten, jede mit Foto und Telefonnummer versehen. Die Frauen stehen exemplarisch für all jene, die aus ganz Amerika nach Las Vegas kommen in der Hoffnung auf Arbeit und schnelles Geld. Die Kartenverteilerinnen gehören zu den unzähligen, häufig illegalen Einwanderinnen aus Mexiko und Mittelamerika. Geflohen vor Armut und Perspektivlosigkeit, unterstützen sie ihre Familien in der Heimat und befördern als Tagelöhnerinnen die marode amerikanische Wirtschaft. In der taghellen Nacht von Las Vegas kreuzen sich die Biografien dieser Frauen auf unerwartete Weise. Sie erzählen von der Kraft des Traums und den gescheiterten Träumen gleichermaßen; sie selbst bilden die Facetten des amerikanischen Traums und zugleich dessen Scheitern.

Im Moment des Aufeinanderschlagens der Visitenkarten scheint sich Amerika zu ereignen: seine Geschichte, immer schon vom Aufbruch und Neubeginn Einzelner geprägt, vor allem aber von Gewalt. Der Rhythmus der Karten bringt in mehrfacher Hinsicht die verschiedenen Ebenen, die Cyrill Lachauer bei dem Projekt antreiben, auf den Punkt: zum einen verbindet er unterschiedliche Biografien und deren Wege durch Amerika. Zum anderen eröffnet er die Referenz an den »Ghost Dance« der Paiute-Indianer, der zur Arbeitsgrundlage von »Full Service« wird. Die Paiute-Indianer bewohnten ursprünglich die Landstriche um das heutige Las Vegas und hofften mit dem Ritual des »Ghost Dance« ihre Toten wieder zum Leben zu erwecken und ein Verschwinden der Weißen und deren Unterdrückungsherrschaft herbeiführen zu können. Das Ritual wurde von dem indianischen Propheten Wovoka begründet, der 1889 während einer Sonnenfinsternis die Vision von der Befreiung der Indianer durch den »Ghost Dance« hatte. Das Ritual, bestehend aus einer fünftägigen Zeremonie aus Tanz und Gesangsrhythmen, fand innerhalb kurzer Zeit große Verbreitung und macht Wovoka damit aus heutiger Sicht zu einer Schlüsselfigur einer pan-indianischen Identität. Die »Ghost Dance« Bewegung brach im Jahr 1890 abrupt in sich zusammen, nachdem beim Massaker von Wounded Knee fast 300 unbewaffnete Indianer von amerikanischen Soldaten erschossen wurden.

»Full Service« reflektiert auch die Bildproduktion selbst. Cyrill Lachauer, der sowohl als Anthropologe geschult ist, als auch Film studiert hat, bevor er sich ganz der Bildenden Kunst verschrieben hat, ist sich der Komplexität des »Bildermachens« bewusst. Mit »Full Service« gelingt es ihm, eine eigene Form zwischen ethnographischer Feldforschung, Roadtrip und Hommage an das amerikanische Kino zu finden, die die Mehrdeutigkeit der Realität zulässt, ohne zu bewerten. Denn das geschickte Spiel zwischen Realitätsebenen ist Amerikas Königsdisziplin. Meisterhaft verstehen es die Traumfabriken Hollywoods - und nicht zuletzt die ebenso in der Region angesiedelte Pornoindustrie - künstliche Welten zum Leben zu erwecken. Hier prallen in radikaler Gegensätzlichkeit Armut und Komfort, Natur und Kultur, Wunsch und Wirklichkeit aufeinander.

Der fotografische Teil der Ausstellung und zwei Videoarbeiten zeigen Cyrill Lachauers Suchbewegungen im Hinterland des amerikanischen Westens. Dabei spielt seine Idee von einer erzählenden Landschaft und sein Interesse an der Einschreibung von Geschichte in Landschaft die zentrale Rolle. Auf dieser Grundlage besuchte Cyrill Lachauer die heiligen Orte der Native Americans, die bis heute existierenden Reservate, Trailerparks und trostlose, von Armut und Drogenkonsum geprägten Kleinstädte.

Cyrill Lachauer zeichnet mit seinen Arbeiten ein subtiles und geheimnisvolles Bild dieser Menschen ohne sie bloßzustellen, auch ohne ihre Lebensgeschichten dokumentarisch-essayistisch aufzuarbeiten. Die Bilder verweben, wie in der filmischen Arbeit so auch in seinen Fotografien, unterschiedliche Realitätsebenen auf poetische Weise: immer wieder tauchen Tiere in den Bildern auf – sei es durch die Spiegelung eines ausgestopften Bären in einem Schaufenster oder durch die immer wieder auftauchenden Hunde – und verweisen so auf den animistischen Kosmos der indianischen Ethnien. Die verwahrloste materielle Kultur zeugt von einem Amerika, das innerlich längst zerfallen ist. Und dennoch beschwören die Landschaften und die sich in ihr eingeschriebenen Zeichen der Menschen auch die mythische Kraft und den Zauber dieses Landes.

Eine Ausstellung des Museums Villa Stuck
Kuratorin: Anna Schneider