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Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

5. Februar – 8. Mai 2016

ExistenzFest. Hermann Nitsch und das Theater

Das Museum Villa Stuck zeigt Hermann Nitsch in München, 46 Jahre nach dessen erster Münchner Aktion, dem 7. Abreaktionsspiel im Februar 1970, im legendären Aktionsraum 1 in der Waltherstrasse, und zwanzig Jahre nach der Nitsch-Retrospektive im Lenbachhaus. Die von Hubert Klocker kuratierte und multimedial gestaltete Ausstellung legt besonderes Gewicht auf die Vermittlung des dramatischen und performativen Kerns im Werk Hermann Nitschs, ein thematischer Schwerpunkt, der bislang noch nie in derart umfassender Form präsentiert wurde.

ExistenzFest. Hermann Nitsch und das Theater, Museum Villa Stuck, München, 2016, Foto: Katrin Schilling

Hermann Nitschs komplexes Gesamtwerk zwischen Malerei und Theater reiht sich in die Geschichte der visionären, die Kunst erweiternden Werkentwürfe – von Monet bis Turell, von Skrjabin bis Artaud, vom Living Theater bis Schlingensief – ein. Im Zentrum steht dabei das »o.m. theater« (Orgien Mysterien Theater), ein sechs Tage und Nächte dauerndes Ereignis. Rauschhafte Existenzerfahrung und kathartisches Erleben sollen Wirkung dieser partizipatorischen, dramatischen und meditativen Kunst sein.

Nitschs Arbeit wurde seit den 1960er-Jahren beinahe ausschließlich in Galerien, Kunstvereinen und Museen gezeigt. Das hat die öffentliche Aufmerksamkeit und die Gewichtung der Rezeption seines Werks in den Bereich der Bildenden Kunst tendieren lassen. Das aktuelle Ausstellungs- und Publikationsprojekt, welches in enger Zusammenarbeit zwischen dem Theatermuseum Wien und dem Museum Villa Stuck entstanden ist, hat sich das Ziel gesetzt, explizit auf die szenischen Eigenschaften und die theatergeschichtliche Kontextualisierung des »o.m. theaters« einzugehen, um so eine erweiterte und umfassende Sicht auf Nitschs Gesamtwerk zu ermöglichen. Eine wichtige Rolle kommt dabei dem erstmals gezeigten Handschriftenmaterial des Künstlers zu, welches wie ein Leitfaden durch die Präsentation führt.

Zwei Werke sind für den theatergeschichtlichen Kontext des Werkes von Hermann Nitsch von exemplarischer Bedeutung und nun wieder in einer Ausstellung zu sehen: der sogenannte »Asolo-Raum« aus dem Jahr 1973, eine Rauminstallation entstanden für den Palazzo Baglioni in Asolo. Desweiteren die großformatige Arbeit auf Papier, »Die Eroberung von Jerusalem« (1971), die als Leihgabe von der Staatlichen Graphischen Sammlung in München großzügig zur Verfügung gestellt wird. Über »Die Eroberung von Jerusalem« schreibt Hubert Klocker im Ausstellungskatalog: „Im Lesedrama Die Eroberung von Jerusalem, 1973 erschienen, gibt Nitsch den bis heute wohl umfassendsten Einblick in die visionierte Form und Funktion dieser Architektur. Es handelt sich um einen Erlebensraum, der ideal auf die inhaltlichen Bedürfnisse des o.m. theaters abgestimmt ist. Gänge und Höhlen werden in den Erdboden vorangetrieben und bilden das umfangreiche System einer „unterirdischen Stadt“. Die in die Tiefe gehende Architektur entspricht ideal der psychoanalytischen Dynamik des Spiels. Die biomorphe Form eines wuchernden, im Grundriss manchmal figurativ verdichteten Systems erinnert an Gewebestrukturen, Organsysteme oder fluide Kreisläufe. In einer dem Buch beiliegenden Zeichnung hat Nitsch dieses sich beinahe ornamental ausdehnende Höhlensystem skizziert, die Räume und Gänge nummeriert und diesen Nummern den beschriebenen, jeweils dort stattfindenden Aktionen zugeordnet. Das vegetative labyrinthische und unterirdische System würde einen Prozess der Auflösung von Raum- und Zeitkoordinaten unterstützen und den Spielteilnehmer auch durch die kontinuierliche Bewegung der Menschenmassen durch die Gänge, von Raum zu Raum und von Aktion zu Aktion in einen tranceartig fließenden Zustand versetzen.“

Filmdokumente, Tonaufnahmen, eine von Nitsch für diese Ausstellung entwickelte Video-Rauminstallation zum Thema Synästhetik sowie die Präsentation der Stiertrage im Garten der Villa Stuck, die erstmals 1998 beim 6-Tage Spiel verwendet wurde, verstärken den Erlebnischarakter der Ausstellung und verweisen auf die zentrale Rolle, die dem unmittelbar Erfahrbaren in Nitschs Kunst zukommt. Am 7. Mai 2016 präsentiert Hermann Nitsch zudem seine 147. Aktion im Garten des
Museums Villa Stuck.

Der Universalkünstler Hermann Nitsch (geboren 1938 in Wien) arbeitet seit 1957 an der Theorie und Verwirklichung seines »o.m. theaters«. Dabei handelt es sich um ein dramatisches Epos, für dessen vollständige Ausführung er eine »extraterritoriale« Idealarchitektur, einen Spielbezirk – mit seinem Wohn- und Arbeitsort Schloss Prinzendorf im Zentrum – entworfen hat. Ab 1963 hat er weltweit in zahlreichen Aktionen und an unterschiedlichsten Orten zentrale Elemente des als Existenzfest angelegten Mysterienspiels vorgestellt. 1998 wurde erstmals eine Version der sechs Tage und Nächte dauernden Gesamtfassung realisiert. Dem synästhetischen Aufbau seiner Kunst entsprechend organisiert sich um die dramatische Struktur des »o.m. theaters« ein umfangreiches bildnerisches, musikalisches und literarisches Werk, in dem der Künstler die Motive und Symbolik seiner Material- und Bildsprache, die Verräumlichung und die detaillierten »Aktionspartituren« entwickeln konnte.

Begleitend zur Entwicklung des o.m. theaters entstand eine umfassende Theorie, mit der Nitsch eine historische Kontextualisierung, kulturgeschichtliche Genese und wirkungsgeschichtliche Untermauerung vorschlägt. Das zentrale Motiv und Thema in Nitschs Kunst ist die Darstellung und Überwindung des Tragischen, ja des Todes, durch kathartisches Erkennen. Dieser Wunsch verweist auch auf seine Geburtsstadt Wien mit all ihren im 20. Jahrhundert durchlebten kulturellen und politischen Verwerfungen zwischen imperialer Pracht, apokalyptischem Versinken und der schwierigen kulturpolitischen Rekonstitution und Identitätsfindung ab 1945. Im Jahr des »Anschlusses« und damit des Endes Österreichs als eigenständiges Staatsgebilde geboren, hat Nitsch als Kind die Bombardements und den Kampf um Wien traumatisch miterlebt. Zweifellos haben auch diese Erfahrungen sein Werk geprägt.

Ab Mitte der 1960er Jahre wurden seine Aktionen nicht nur im Bereich der Bildenden Kunst, sondern zugleich als Teil der die Möglichkeiten der Kunst radikal erweiternden Performance- und experimentellen Theaterszene wahrgenommen. Dabei zeigte sich, dass die Formensprache und Ästhetik des von Nitsch in Theorie und Praxis erdachten Theaters auch als Grundlage für
Inszenierungen auf Bühnen geeignet war, zu denen er ab den 1990er Jahren eingeladen wurde. Nitsch feierte sowohl als Regisseur von Jules Massenets Hérodiade an der Wiener Staatsoper und Robert Schumanns Faust am Opernhaus Zürich als auch mit dem Experiment einer Adaption des o.m. theaters für die moderne, illusionistische Guckkastenbühne des Burgtheaters beeindruckende Erfolge. Zuletzt zeichnete er 2011 für Ausstattung und Regie von Olivier Messiaens »Saint François d’Assise« an der Bayerischen Staatsoper München verantwortlich.

Eine Ausstellung des Theatermuseums Wien in Kooperation mit dem Museum Villa Stuck, Kurator: Hubert Klocker