Start > Ausstellungen > Cornelius Völker - 17. Februar bis 8. Mai 2011

Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

Zur Ausstellung: Cornelius Völker. 1990 – 2010

»Zu sehen, was man mit Farbe alles machen kann, fasziniert mich immer wieder aufs Neue!«
Cornelius Völker

Die Farbe in der ganzen Breite ihrer physikalisch möglichen Zustände und Erscheinungsformen dominiert das malerische Universum von Cornelius Völker. Glatt, teigig oder körnig, monochrom, voller Körper, aseptisch, zu weilen libidinös ist sie das Ereignis seiner Malerei. Seitdem Völker zu Beginn der Neunziger Jahre die Laufbahn als Maler einschlug, ist die Materialität der Farbe unverändert Kern seines Schaffens. Zyklischen Moden im Kunstdiskurs gegenüber blieb er gleichgültig. Die Bilder Völkers verbinden widersprüchliche malerische Modi, die sowohl dem Reich des Abstrakten wie der figurativen Tradition entstammen. Expressiver Gestus, Elemente aus dem Reich der Pop-Art, die Neuen Wilden, Barnett Newmann, Rupprecht Geiger .... die Bezüge sind vielfältig und verweisen auf ein reichhaltiges Repertoire, das, auf Distanz zu stilistischen Ideologemen, seine Souveränität aus der Eigenständigkeit schöpft.

Selten hat sich ein Künstler banalere Motive aus ihrem Kontext gezerrt, sie auf eine abstrakte Oberfläche, wie in einem Fotostudio, gebannt, und der Öffentlichkeit zur Schau gestellt. Cornelius Völker betreibt die Nobilitierung von Meerschweinchen, Badeschlappen und Pullovern im großen Stil. Aus der Hingabe an die übersehenen Alltäglichkeiten entwickelt Völker seine Frage nach der Kraft der Malerei: »Wie viel kann die Malerei aushalten?« Das Motiv als Prüfstand für den Drahtseilakt zwischen Kunst und Dargestellten eröffnet eine Parallelwelt der Farbe, in der Völkers Motiven ein malerisches Äquivalent zu ihrer realen Stofflichkeit gegenübergestellt wird. Das Haar der Meerschweinchen erfährt seine Analogie im sichtbaren Pinselstrich, Schlieren von Ölfarbe ahmen das Wasser nach, in dem sich die Schwimmer bewegen.

Aber auch die Perspektive ist ein Balanceakt durch den Kosmos der Malerei. In der Nahsicht verlieren die großformatig abgebildeten Motive ihre Form, lösen sich auf in abstrakte Farbflächen, gehen über in reine Materialität. Im Innehalten zwischen Form und Auflösung entwickeln die Werke Völkers ihre Kraft. Die Serie Abfluss zeigt einen Strudel, dessen Konturen sich zersetzen im Sog der Malerei. Einem ähnlichen Wirbel wie der Zerfall entspringt, in umgekehrter Blickrichtung, das Werden in der Serie Bauchnabel. Auch in anderen Serien, etwa Handtaschen, Feinripp oder Pullover verselbständigen sich Inhalte mit dem Wechsel des Standortes zu abstrakten Partien, sie werden zum Bild im Bild. Die sorgsam gepflegte ideologische Trennlinie zwischen Figuration und Abstraktion lässt Völker ironisch hinter sich: Abstraktion ist eine Frage der Nähe, kein Grabenkampf, ein widerständiges Spiel von Formlosigkeit und Gestaltfindung.

Fragment und Serie sind bestimmende Elemente in Völkers Werken. Die gewählten Ausschnitte wirken oft ungewöhnlich: Körper ohne Kopf oder Extremitäten werden zu Torsi, die eine im Vordergrund stehende Bewegung, ein Requisit oder ein einzelnes Körperteil illustrieren. In der Reduktion auf das Wesentliche erschließt Völker nicht nur Pfade, die zur Abstraktion führen, die Entindividualisierung der Motive verschiebt die Aufmerksamkeit auf die Malerei an sich. In der Serie erst erschließt sich, ob ein Motiv wirklich bildtauglich ist, jenseits der Zufälligkeit seiner Entdeckung, jenseits auch der Peinlichkeiten, die Feinripp-Bildern, Gurkenmasken oder der Abbildung von Kotzenden potentiell innewohnen. Die Präsentation des Objektes ohne Raum und Kontext und das Gesetz der Serie ähnelt vorgeblich der kalten Empirie der Wissenschaft. Aber erst die malerische Genealogie der Gegenstände gibt den Weg frei für unbefangenen Vergleich, erlaubt der Malerei, sich selbst »vor(zu)führen«. Die absolute Rätsellosigkeit von Meerschweinchen oder Müll, männlichem Bauchansatz (in der Serie Mann) oder Staubsaugern erleichtert noch den Weg in die grundsätzliche Reflexion über Darbietung und ihren Gegenstand. In dieser, nicht im tagespolitischen Kommentar, liegt dann auch, in der Zeit einer immer größer werdenden Bilderflut, für Cornelius Völker eine gesellschaftliche Relevanz der Malerei begründet.

Ungeniert schöpft Völker aus dem reichhaltigen Fundus verschiedenster Traditionen, treibt das Spiel zwischen High- und Low-Culture mit Meerschweinchen oder Waffen ungerührt bis an sein groteskes Ende. In seinen Bildern finden sich mannigfaltige Referenzen zur Kunstgeschichte. Aber Völker zitiert nicht in seiner Auseinandersetzung mit den Vorbildern, er adaptiert ihre Themen, Motive und Gedanken und unterwirft sie seiner Logik. Denn Malerei ist für ihn ein ganz eigenes Unternehmen - ein »..höchst individuelles, nichtkonformes, extravagantes und einzigartiges.«