Hände haben mich schon immer fasziniert. Sie tauchen in der Kulturgeschichte und in den Geschichten der Kunst als eines der beständigsten Bilder auf, durch die Gesellschaften sich selbst entworfen haben. Sie sind zugleich anatomische Organe und politische Formen. Wenn Aristoteles den Menschen über den Logos – die Sprache – definierte, dann gehörte Sprache vielleicht immer ebenso sehr der Hand wie der Zunge; denn bevor Sprache zum Diskurs wird, ist sie Geste.
Von dieser Intuition geht die Ausstellung aus. Die Hand bringt nicht so sehr zum Ausdruck, wer wir sind, sondern vielmehr, wozu wir fähig sind. Sie ist das Organ der Arbeit, der Fürsorge, der Gewalt, der Reparatur, der Erfindung und der Solidarität. Sie verkörpert Handlungsfähigkeit noch vor jeder Repräsentation.
Heute, da wir in eine technologische Transformation eintreten, die zunehmend von Prompts, automatisierter Sprache und Maschinen geprägt ist, die Schreiben, Sprechen und sogar Denken simulieren, stellt sich die politische Frage des Ausdrucks mit neuer Dringlichkeit. Wenn Sprache selbst zu einem Instrument wird, kann uns die Hand vielleicht daran erinnern, dass Ausdruck niemals nur Kommunikation ist. Die in dieser Ausstellung versammelten Hände sind daher niemals einfach menschliche Hände. Es sind Pfoten, Pranken, Klauen, Flossen, Krallen, Tatzen und Greiforgane unterschiedlicher Arten und Vorstellungswelten. Gemeinsam bilden sie eine Gesellschaft der Hände – eine Gesellschaft, in der Handlungsfähigkeit verteilt statt besessen wird und in der sich Intelligenz im Hervorbringen zeigt, nicht in der Beherrschung.
Welche Arten von Gesellschaftsverträgen können heute noch geschlossen werden? Welche emotionalen Bündnisse sind weiterhin vorstellbar? Wie lernen wir erneut, einander zu unterstützen – zu halten, gemeinsam zu klatschen, zu trösten, zu reparieren? Wie erkennen wir an, dass dieselbe Hand, die zu Fürsorge fähig ist, auch Gewalt ausüben kann, und dass Frieden nicht die Abwesenheit von Kraft bedeutet, sondern die fortwährende Arbeit, auf ihre Anwendung zu verzichten?
Die Ausstellung entspringt der Überzeugung, dass es die Aufgabe der Kunst ist, den Raum gesellschaftlicher Vorstellungskraft wieder zu öffnen. Pfoten, Pranken, Klauen, Flossen, Patschen, Pratzen, Tatzen, Hände, Krallen entwirft ein Parlament ohne Reden.
Letztlich handelt diese Ausstellung von uns. Nicht, weil Hände die Menschheit repräsentieren, sondern weil sie unsere Fähigkeit spiegeln, uns eine Gesellschaft vorzustellen, die noch immer an Kooperation statt Dominanz glaubt, an das Hervorbringen statt an Ausbeutung und an den Frieden als die anspruchsvollste Form kollektiven Handelns.
(Text: Chus Martínez)
Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Publikation auf Deutsch und Englisch in zwei Bänden in der Reihe HATJE CANTZ TEXT mit einem Essays von Chus Martínez und zahlreichen Abbildungen.
