Das 2013 von den tscherkessischen Musikern Bulat Khalilov und Timur Kodzoko gegründete Label Ored Recordings dokumentiert traditionelle und posttraditionelle Musik des Nordkaukasus. Hunderte von Field Recordings, die bei Festen, Familientreffen und anderen Begegnungen entstanden, geben Einblick in die enorme Vielfalt der musikalischen Traditionen dieser Region.
Im Gegensatz zur akademischen Praxis der Musikethnologie entwickelten Khalilov und Kodzoko für ihre umfassende Arbeit eine Haltung, die sie selbst als „Punk Ethnology“ bezeichnen.
„Wir begannen, durch den Nordkaukasus zu reisen und Aufnahmen mit Menschen aus vielen verschiedenen ethnischen Gruppen zu machen. Uns wurde schnell klar, dass es bei unserer Arbeit nicht nur um Musik und Kunst geht, sondern dass unsere Arbeit sofort auch eine politische Dimension hat, da es im Nordkaukasus – damals wie heute – zahlreiche Konflikte zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen gab.“
Die Arbeit von ORED zielt darauf ab, nicht nur die großartige Musik des Kaukasus zu präsentieren, sondern auch die Geschichten dahinter zu erzählen und über die Musik einen Umgang mit dem historischen Gedächtnis in der heutigen Zeit zu finden.
Seit 2025 lehren Khalilov und Kodzoko an der Universität Göttingen und suchen mit dem ORED ENSEMBLE den Kontakt zu elektronischen Musiker*innen. Zur aktuellen Live-Besetzung gehören auch Martina Bertoni und Stefan Schneider.
Das Ored Ensemble ist eine Zusammenarbeit zwischen zwei Plattenlabels: dem in Düsseldorf ansässigen TAL und der nordkaukasischen, in Göttingen ansässigen Plattform Ored Recordings.
Als Ausgangspunkt dient dabei traditionelle tscherkessische Musik – von Liedern aus der Zeit des Russisch-Kaukasischen Krieges (1763–1864) bis hin zu rituellen und tänzerischen Melodien. Von dort aus erkundet das Ensemble die Bereiche der elektroakustischen Improvisation, abstrakter Klanglandschaften und detailreicher Kompositionen.
Während die meisten Projekte von Ored Recordings einen spezifischen, häufig anthropologischen Charakter haben – Lieder, die durch ein gemeinsames Thema oder ein traditionelles Genre verbunden sind und möglichst nah an ihrem ursprünglichen Kontext aufgenommen werden, sei es bei einem Festmahl, einem Dorffest oder bei religiösen Gesängen –, nähert sich das Ored Ensemble dem traditionellen Material nicht aus einer ethnografischen sondern aus einer freien klanglichen Praxis.
Der Versuch, die tscherkessische Musik von der Zuschreibung als „ethnisches Erbe“ zu befreien eröffnet den Blick auf neue Wege und mögliche Zukünfte.
Die Musiker*innen des Ored Ensemble hinterfragen die gängige Vorstellung von der Verbindung von „Folk“ und „Experimental“. Dabei ignorieren sie bestehende Stereotype und Hierarchien: Die tscherkessische Shichepshin, ein traditionelles tscherkessisches Instrument, und Heilmelodien dienen als Grundlage für klangliche Experimente, während elektronische Instrumente etablierte Traditionen wie Free Jazz, Sound Art oder die Düsseldorfer Schule der elektronischen Musik repräsentieren.
Das Ored Ensemble begann als Duo zwischen Timur Kodzoko, dem Gründer der posttraditionellen tscherkessischen Gruppe Jrpjej, und Stefan Schneider, einem Gründungsmitglied von Gruppen wie to rococo rot, Kreidler und dem Garth Erasmus Broken String Ensemble. Mit Martina Bertoni, einer in Berlin lebenden Cellistin, Komponistin und experimentellen Künstlerin, wurde das Ensemble schließlich zum Trio erweitert.
Mit klanglichen und künstlerischen Mitteln entwickeln die Musiker*innen des Ored Ensemble eine politische Botschaft über neue Möglichkeiten, Geografien und Strukturen.
