No Single ViewIlit Azoulay Ab 15.5.26

Filmstill der Videoarbeit / Film still from the video work MARY, 2025–2026 © Ilit Azoulay | Commissioned by Villa Stuck, München / Munich, anlässlich der Einzelausstellung / on the occasion of the solo exhibition „No Single View“ | Courtesy BRAVERMAN Gallery, Tel Aviv & LOHAUS SOMINSKY, München / Munich

Mit großzügiger Unterstützung von artis

Während der Sanierung des Museums VILLA STUCK wurde Ilit Azoulay eingeladen, sich mit der Baustelle und dem Interimsquartier in der Goethestraße 54 auseinanderzusetzen. Sie sicherte Materialproben, dokumentierte vorgefundene Objekte und recherchierte die Geschichte der beiden Orte. Daraus entwickelten sich zwei Ausstellungen: Mit „Stopover“ richtete Azoulay 2024/25 den Blick auf die NS-Geschichte des Gebäudes in der Goethestraße 54, das als Zwangsunterkunft für jüdische Menschen diente. „No Single View“ führt die Recherche nun in die Villa selbst und zu den Menschen, die mit ihr verbunden waren und sind.

„Rückblickend wünsche ich mir, ich hätte meine Geschichte selbst geschrieben, statt nur eine Figur darin zu sein“, sagt eine elegant gekleidete Frau am Küchentisch. Sie erscheint als Mädchen, als junge Frau, als ältere Dame; besonnen und leidenschaftlich, trotzig, melancholisch, verführerisch und verträumt. Doch diese Frau ist nicht eine. Siebenundsiebzig Schauspielerinnen verkörpern Mary Stuck in Ilit Azoulays neuer Filmarbeit. In einem fiktiven Interview, gegliedert in sechs Episoden, entsteht aus wechselnden Stimmen ein vielschichtiges Porträt der einzigen Tochter des Malers Franz von Stuck.

Mary wurde 1896 als Maria Franziska geboren und 1904 nach einem Rechtsstreit vom Künstlerehepaar adoptiert. Sie wurde zum bevorzugten Modell ihres Vaters und zum Gesicht zahlreicher Werke. Nach seinem Tod kehrte sie mit ihrer Familie in die Villa zurück und lebte dort, bis sie 1961 verstarb. Als jahrzehntelange Bewohnerin verbindet sie die historische Künstlerresidenz mit den späteren Geschichten des Hauses und wird so zur Scharnierfigur zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

An Marys Hand begibt sich Azoulay auf eine künstlerische Recherche, die den Blick von der Künstlerbiografie hin zu den Randzonen des Hauses verschiebt, in denen sich Geschichte abgelagert hat. Mit der Makrokamera untersucht sie Details, Materialien und Relikte. Sie sammelt Fundstücke, hört zu, führt Gespräche und folgt Hinweisen. Im Fokus steht das brüchige, poröse Gewebe der Erinnerung. So entsteht ein wachsendes fotografisches Archiv – nicht als abgeschlossenes Gedächtnis, sondern als offenes Gefüge möglicher Beziehungen und Erzählungen.

Dieses Material breitet die Künstlerin im Studio aus wie eine Mindmap. Sie ergänzt, sortiert, knüpft neue Verbindungen. Neben der Drei-Kanal-Installation „Mary“ sind daraus neue Fotocollagen entstanden, in denen sich Orte, Zeiten und Bedeutungsebenen überlagern. Azoulay baut sie als dreidimensionale Behälter, in denen Fragmente verschiedener Erzählstränge nebeneinanderstehen, ohne sich zu einer linearen Geschichte zu fügen. Bemalte Holzkonstruktionen mit Textzitaten markieren mögliche Lesarten und lenken den Blick, ohne ihn festzulegen: „Ich weiß, wo ich mich hinstellen muss, damit man mich nicht sofort sieht.“

Für die Ausstellung werden die ehemaligen Privaträume der Familie bespielt: Pinselzimmer, Schlafräume, Bad und Ankleide. Die historischen Orte verleihen den Arbeiten Authentizität, doch sie dienen nicht als museale Kulisse, sondern werden zum Miterzähler. Am Ort des Geschehens gewesen zu sein, wird sowohl den Exponaten als auch den Besucher*innen attestiert, die nun selbst abwägen müssen, wie viel Realität sie bezeugen können. Azoulays Arbeiten bewegen sich bewusst an den Übergängen zwischen Fakten und Fiktion, die sie als komplementäre Formen versteht, Wirklichkeit zu deuten. Die Künstlerin lässt Stimmen und Zeitebenen gleichwertig nebeneinanderstehen. Die vielen Gestalten Marys verkörpern eine Erzählerin, die nicht mehr allwissend, sondern plural, subjektiv, lückenhaft und widersprüchlich ist – wie die Erinnerung selbst.

Spätestens im letzten Ausstellungsraum werden vermeintliche Gewissheiten brüchig. Die Schauspielerinnen aus „Mary“ erzählen in einem „Making of“ von ihren Erfahrungen beim Dreh. Aufmerksame Betrachter*innen meinen, die einzelnen Personen wiederzuerkennen, doch die vielfältige Mary ist nicht inszeniert, sondern KI-generiert. Das verwendete KI-Tool erinnert seine eigenen Bilder nur für acht Sekunden. Die Figuren, denen man begegnet, lösen sich auf, weil die Technik vergangene Versionen nicht erneut hervorbringen kann. Aus einem Software-Bug erschafft Azoulay das Modell eines fragilen Gedächtnisses: Geschichte erscheint nicht als gespeicherte Kontinuität, sondern als fortwährende Rekonstruktion – als etwas, das jedes Mal neu entsteht, wenn wir erzählen oder zuhören. „Wenn du dir nur eine Version der Geschichte anhörst, dann hörst du gar nicht zu, sondern du wählst bereits aus.“

Zur Ausstellung erscheint im Steidl Verlag das zweisprachige Buch „Guestbook“, das beide Projekte zusammenführt. Mit Beiträgen von Nora Gomringer, Helena Pereña, Sabine Schmid und Jonathan Touitou. ISBN 978-3-96999-560-0
 

Ausstellungsteam

Kuratorin | Curator
Helena Pereña 

Ausstellungskonzept und Gestaltung | Exhibition Concept and Design 
Studio Ilit Azoulay, Helena Pereña

Recherche | Research 
Valerie Groth, Helena Pereña, Sabine Schmid

Ausstellungsmanagement | Exhibition Management 
Sabine Schmid

Studio Liason
Valerie Groth

Projektkoordination und Transportorganisation | Project Coordination and Transport 
Veronika Hofmann-Winkler, Nadja Siedenberg

Restauratorische Betreuung | Conservator 
Christine Rottmeier-Keß

Ausstellungstechnik | Exhibition Technology  
Johannes Koch, Patrick Matthews, Christian Reinhardt unter Mitwirkung von | with the Assistance of James Khan 

Aufbauteam | Installation Team 
Anton Bošnjak, Michael Grudziecki, Tommy Jackson, Chris Koch, Kerol Montagna, Thilo Rendrop 

Ausstellungsgrafik | Exhibition Graphics 
Marion Blomeyer 

Medientechnik | Media Technology 
Eidotech

Fotomontagen und Rahmung | Photomontages and Framing 
Lena Gomon (Fotobearbeitung und digitale Anpassung | Photograph Processing and Digital Adaptation) 
Recom Art Care GmbH & Co. KG (Druck | Printing) 
Aran Leptik, Marius Posseik, recom ART+ GmbH (Rahmung | Framing) 

3D-Modelle | 3D models
Hares Jamali 

Mary (Film | Video)
Ilit Azoulay (Konzept, Regie | Concept, Direction), Paul Rohlfs (Schnitt | Editing), Nina Goldt (Translation | Übersetzung), Sarah Daisy Ellersdorfer (Untertitel | Subtitles)