Marinella SenatoreWe Rise by Lifting Others -

Marinella Senatore, Assembly, 2021, Installationsansicht Battersea Power Station, London, 2022. Courtesy: Marinella Senatore und Mazzoleni, London/Torino. Foto: Charlie Round-Turner

Menschen tanzen freudestrahlend in die Stadt hinein. Die perfekt wirkende Choreografie täuscht darüber hinweg, dass sie womöglich zum ersten Mal vor Publikum auftreten. Es sind Blinde, die im Takt marschieren, Analphabet*innen, die Musik komponieren, oder afroamerikanische Mädchen, die in Tutus den weißen Ballett-Kanon sprengen, sie alle sind Gäste von Marinella Senatore. Die Künstlerin verbindet auf sensible Weise Strategien politischer Protestbewegungen mit ästhetischen Ausdrucksformen, die gesellschaftspolitische Sprengkraft besitzen.

Marinella Senatore, Bodies in Alliance, 2021, Installationsansicht SIAL School and Association of Ukrainians in Great Britain, London, 2022. Courtesy: Marinella Senatore und Mazzoleni, London/Torino. Foto: Lukasz - FOIfilms
Marinella Senatore, Performance 'Marinella Senatore. Afterglow', Battersea Power Station, 9. Juni 2022. Courtesy: Marinella Senatore und Mazzoleni, London/Torino. Foto: Christina Almeida
Marinella Senatore, Make it Shine, 2021. Courtesy: Marinella Senatore und Mazzoleni, London/Torino
Performance 'Marinella Senatore. Afterglow', Battersea Power Station, 9. Juni 2022. Courtesy: Marinella Senatore und Mazzoleni, London/Torino. Foto: Christina Almeida
Performance 'Marinella Senatore. Afterglow', Battersea Power Station, 9. Juni 2022. Courtesy: Marinella Senatore und Mazzoleni, London/Torino. Foto: Christina Almeida

Marinella Senatore (*1977) ist eine zentrale Figur der italienischen Gegenwartskunst. Nach einer Ausbildung im Bereich Film und Musik spezialisierte sie sich auf eine kollaborative künstlerische Praxis. In erster Linie adressiert sie Menschen, die keine künstlerische Ausbildung haben, um ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in der Gruppe so zu aktivieren, dass alle Teilnehmer*innen gegenseitig voneinander profitieren. Als Künstlerin, Aktivistin und Dozentin hat Senatore zahlreiche Projekte weltweit umgesetzt, die bis zu 30.000 Mitwirkende involviert haben. Zu den anspruchsvollsten Unternehmungen zählt „Rosas“, eine lyrische Oper, die 2012 mit ca. 20.000 Personen in Madrid, Berlin und Derby entstanden ist.

Senatore setzt vielfältige Medien ein, um ihre künstlerischen Ziele zu erreichen. Neben den prozessual angelegten Projekten, die als partizipative Installation oder Aktion im öffentlichen Raum konzipiert sind, umfasst ihr Werk zum Teil kollaborativ entstandene Zeichnungen, Collagen, Fotografien, Textilien, Fotografien, Soundkompositionen, Filme, Malereien, kleine Skulpturen und in jüngerer Zeit Lichtinstallationen, sogenannte „Luminarie“. Oft stehen die einzelnen Arbeiten im Zusammenhang mit den großen partizipativen Projekten. Literarische, philosophische und politische Parolen, die meist bei den Treffen mit Mitwirkenden hervorgebracht werden, kehren in den verschiedenen Medien wieder und ergänzen sich gegenseitig, während sie ihr Bedeutungspotenzial durch einen neuen Kontext erweitern: We Rise by Lifting Others ist zu einer Art Absichtserklärung geworden.

Das Projekt

Das Museum VILLA STUCK und die Sammlung Generali Foundation am Museum der Moderne Salzburg veranstalten die bisher größte Ausstellung der Künstlerin als ein Projekt in zwei Kapiteln, die an beiden Städten zur gleichen Zeit zu sehen sind. Beide Präsentationen ergänzen sich und bieten einen Überblick über die gesamte Bandbreite von Senatores Werk. Fragen nach der Spannung zwischen Individuum und Kollektiv, nach Sehnsüchten und Zugehörigkeit, nach gesellschaftspolitischer Exklusion und alternativen Organisationsformen werden ebenso erörtert wie das transformative Potenzial der Kunst.

Die Ausstellungen beinhalten einen offenen Raum, in dem zwischen April und Juli eine neue Ausgabe der Tanzparade „The School of Narrative Dance“ entwickelt wird. Das 2013 begonnene Projekt wurde in den letzten zehn Jahren weltweit aufgeführt und wächst mit jeder Station. „The School“ veranschaulicht Senatores offene und interdisziplinäre Herangehensweise. Ausgehend von einem horizontalen, hierarchielosen Unterrichtsmodell begreift sie die Körpersprache als Möglichkeit, alternative und spontane Formen kollektiver Narration zu schaffen.

In München wird sich die Parade am Gedenktag des deutschen Widerstandes am 20. Juli vom Museum beim Friedensengel über die Isar in die Stadt hinunterbewegen, um zentrale Stadtachsen zu besetzen, die von den Nationalsozialisten für ihre propagandistischen Märsche genutzt wurden. Dadurch werden gesellschaftliche Gruppen, die im NS-Regime als „unwürdiges Leben“ diffamiert und massakriert wurden, die Stadt für sich erobern und ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen.

Kuratorin München: Helena Pereña
Kurator Salzburg: Jürgen Tabor