Was bisher geschah. -

Bierstand bei einem Fest aus dem Umkreis von Rinascita, Foto Courtesy Sandra Cartacci

Das neue Gebäude der Villa Stuck an der Goethestraße 54 hat eine bewegte Geschichte. In der NS-Zeit als Zwangsunterkunft für jüdische Personen genutzt, beherbergte es in den 1980er Jahren einen der aktivsten italienisch-migrantischen Vereins in München, Rinascita e. V. In einem ersten Projekt wird der Beginn einer Recherche zur Geschichte des Hauses und dessen Bewohner*innen präsentiert, die im Laufe der Zeit um weitere Funde und Erkenntnisse ergänzt wird.

ERSTE JAHRE

Das Gebäude in der Goethestraße 54 ist über viele Jahre eng mit der Geschichte der Familie Bollinger/Watzinger verbunden. Der erfolgreiche Professor für Pathologie Otto von Bollinger erwarb 1887 den Rohbau, um es wenig später mit seiner Frau Hedwig zu beziehen. Das Ehepaar bekam drei Töchter: Else, Marie und Irma. Erinnerungen an große Feste sind aus dieser Zeit überliefert. 
Nach dem Tod Ottos, lebte Hedwig nur noch mit Marie bis zu derer Heirat 1912 mit dem Tübinger Professor Carl Watzinger. Die Hochzeit wurde in der Goethestraße 54 mit einem beeindruckenden Fest gefeiert
Die Watzingers erbten das Elternhaus uns vermieteten sie, ab 1932 an die Inhaberin der Pension Patria. Ihr Sohn Karl-Otto wurde in der NS-Zeit aus politischen Gründen verhaftet und anschließend im KZ Dachau inhaftiert. Marie Watzinger verbrachte ihre letzten Jahre in einem psychiatrischen Anstalt während des Nazi-Regimes und wurde durch die dortigen menschenunwürdigen Zustände zu einem indirekten Opfer des NS-Terrors.

Zwangsarbeit

Das Thema im ersten Raum ist die Zwangsarbeit. Während der NS-Zeit hatte der Bürobedarf-Hersteller Geha-Werke Arbeits- und Ausstellungsräume unter dieser Adresse. Die Geha-Werke, die seit ihrer Gründung 1918 mehreren Generationen als Referenz für hochwertige Füller aus Deutschland galten, beschäftigten 95 Zwangsarbeiter*innen. Die meisten von ihnen wurden vermutlich in der Fabrik in Hannover eingesetzt. Details zur Münchner Niederlassung sind uns noch nicht bekannt. Die Geha-Werke (seit 1990 Teil der Pelikan AG) zählen zu den Unternehmen, die nichts zu dem sogenannten Fonds zur Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter beigetragen haben. Jede Art von Wiedergutmachung ist nach unserem Wissenstand bisher ausgeblieben.

Der Künstler Franz Wanner setzt sich seit vielen Jahren mit dem Thema NS-Zwangsarbeit auseinander und hat eine Reihe von investigativen Arbeiten dazu entwickelt. Teil seiner Ergebnisse zum Zwangsarbeitslager in Neuaubing bei München werden in der Web-App Departure Neuaubing des NS-Dokumentationszentrums München vorgestellt. Auf einem Tablet in diesem Raum können Sie auf einer Webseite dieser Institution die Beiträge von Franz Wanner und weiteren Beteiligten ansehen.

Für VS präsentiert Franz Wanner seine bisher noch nicht gezeigte Fotoserie zu Neuaubing namens 30.000 Rahmen, sowie die beiden Filme Bereinigung I–II, die ein Stück Münchner Gegenwart erzählen und derzeit auch in seiner Einzelausstellung „Mind the Memory Gap“ im KINDL in Berlin zu sehen sind.

Pension Patria

Dieser Raum gewährt Einblick in eine weitere Nutzung des Hauses während der NS-Zeit. Das Gebäude beherbergte im Erdgeschoss/Hochparterre die Pension Patria, die im Zuge der Enteignung jüdischer Wohnhäuser als Zwischenstation für verfolgte Familien diente. Es war ein sogenannter Zwangsraum, oft genutzt als vorläufige Unterkunft auf dem Weg zur Deportation.
Die damals „Fremdenheim“ genannte Pension wurde 1932 von Hildegard Musch als Fortführung eines Familienunternehmens unter neuer Adresse eröffnet. Das NS-Regime zweckentfremdete die vielen Herbergen in der Nähe des Hauptbahnhofs für die Unterbringung besser situierter jüdischer Familien, die den ihnen zugewiesenen Kleinstraum bezahlen, ihre bisherigen Möbel und sonstige Wertgegenstände aber nicht dorthin mitnehmen konnten. Diese wurden im Sinne der „Arisierung“ zwangsveräußert. 
Die Gegend rund um die Goethestraße entwickelte sich zu einer Art Ghetto, wobei in der Hausnummer 54 besonders viele verfolgte Bewohner*innen zu finden sind. Dass es sich bei diesem Gebäude um einen Knotenpunkt handelte, lässt sich dank historischer Datenbanken wie dem Biografischen Gedenkbuch der Münchner Juden 1933–1945 oder der Online-Plattform Mapping the Lives nachvollziehen. 
Neben Pensionen nahmen sogenannte „Judenhäuser“ enteignete jüdische Personen auf. Diese waren oft ehemalige jüdische Wohnsitze, in denen nun sehr viele Familien zwangsweise zusammengepfercht wurden. Ein solches Haus war in der Goethestraße 66. In der nahe gelegenen Lindwurmstraße 125 befand sich ab Oktober 1938 auch die Israelitische Kultusgemeinde. Selbst aus ihrem bisherigen Gebäude vertrieben, musste sie jüdischen Personen Wohnräume zuweisen. Die Geschichte dieses Standorts ist Teil der künstlerischen Audio-Arbeit Memory Loops von Michaela Melián, die hier ausgestellt ist und weitere Stationen in der Umgebung präsentiert. So befand sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Anlaufstelle für ehemalige KZ-Inhaftierte in der Goethestraße 64. 

Die bisherigen Ergebnisse der Recherche zu den in der Pension Patria untergebrachten Personen werden in diesem Raum als offener Prozess präsentiert. Leerstellen sind hier ebenso erdrückend wie die beachtliche Informationsfülle, die in der kurzen Zeit zusammengetragen werden konnte. Zudem werden Archivalien und Erinnerungen an Hildegard Musch, Inhaberin der Pension Patria, gezeigt. Dem gegenüber steht die Biografie eines Menschen, der vermutlich nie in der Goethestraße 54 gelebt hat, Karl Otto Watzinger. Er war der Sohn des damaligen Hausbesitzers, der das Gebäude vermietete, selbst jedoch nie bewohnte. Karl Otto Watzinger wurde 1941 wegen seines politischen Widerstands im KZ Dachau inhaftiert.

Rinascita Monaco

Im letzten Raum wird ein jüngeres Kapitel des Hauses vorgestellt, die Geschichte des von 1981 bis 1992 im Rückgebäude ansässigen Vereins Rinascita e. V. 
Der Verein wurde Anfang der 1970er-Jahre aus dem Umkreis der Italienischen Kommunistischen Partei (PCI) ins Leben gerufen. Er war die erste migrantisch-italienische politische Vereinigung, der durch die kulturelle Ausrichtung das Verbot umging, ausländische politische Vereine in Deutschland zu gründen.
Rinascita diente als Beratungsstelle für italienische Arbeitsmigrant*innen, die im Zuge verschiedener Anwerbeabkommen zwischen den beiden Ländern nach München kamen. Der Verein ging durch ein reges und engagiertes Kulturprogramm aber weit über diese Tätigkeit hinaus, setzte sich für Demokratie, Toleranz und Naturschutz ein. Nach dem Motto „Kultur schaffen, nicht nur konsumieren“ gestalteten sie ihre Aktivitäten. Einmal im Jahr besuchten die Mitglieder von Rinascita gemeinsam die KZ-Gedenkstätte Dachau, um ein antifaschistisches Zeichen zu setzen.  
Rinascita brachte eine Zeitschrift heraus und ist bis heute aktiv, auch wenn der Zerfall der italienischen Linken in den 1990er-Jahren die Mitgliederzahl stark reduziert hat. In diesem Raum zeigen wir Fotos und Dokumente aus der Geschichte des Vereins und der italienischen Arbeitsmigration in München. Zudem sind verschiedene Interviews zu sehen und zu hören. Hervorgehoben sei die Erzählung von Orazio Vallone, wie sie im Jahr 1981 an der Renovierung der Räume gearbeitet haben. Im VS kehrt Rinascita 2024 zeitweilig mit Veranstaltungen in die Goethestraße 54 zurück. Weitere Informationen finden Sie auf www.villastuck.de

Am Ende der kleinen Ausstellung wird der Film Inventur – Metzstraße 11 von Želimir Žilnik gezeigt. Er bietet Einblick in eine andere Münchner Straße und deren Bewohner*innen im Jahr 1975. Im Treppenhaus begegnen sich Protagonist*innen aus Ländern wie Italien, Griechenland, der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien. Sie sind als Arbeitsmigrant*innen nach Deutschland gekommen, stellen sich vor, sprechen über ihre Sorgen und Hoffnungen. Auch Kinder sind darunter, zum Teil schon in Deutschland geboren.

Zum Projekt

Kuratorin: Dr. Helena Pereña
Projektkoordination: Dr. Sabine Schmid, Nadja Siedenberg, Anna Viehoff 
Ausstellungstechnik: Christian Reinhardt, Patrick Matthews, James Khan
Aufbauteam: Cris Koch, René Landspersky, Kerol Montagna, Andrea Snigula, Nikolaus Steglich 
Ausstellungsgestaltung: Marion Blomeyer Lowlypaper
Ausstellungstexte: Dr. Helena Pereña, Dr. Sabine Schmid, Nadja Siedenberg, Anna Viehoff
Übersetzung: Sarah Trenker
Lektorat: Tina Rausch (D), Sarah Trenker (E)
Medientechnik: pr.ojekte 
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Birgit Harlander, Anja Schneider
Leitung Vermittlung, Fränzchen: Anne Marr 
Vermittlung, Fränzchen: Johanna Berüter 
Verwaltung: Gudrun Gaschler, Eva-Maria von Gienanth, Angelika Wetzstein

Künstler*innen: Michaela Melián, Franz Wanner, Želimir Žilnik

Dank

Michael Bernheim, Juliane Bischoff, Margot Th. Brandlhuber, Michael Buhrs, Sandra Cartacci, Claudio Cumani, Daniel Dell, Velichka Dyulgerova, Valentina Fazio, Dr. Simon Goeke, Dalma Habony, Joseph Köttl, Vitus Köttl, Josepha Layer-Brich, Anton Löffelmeier, Sarita Matijevic Žilnik, Michaela Melián, Kaspar Nürnberg, Peter Prölß, Ingrid Reuther, Dr. Maximilian Strnad, Orazio Vallone, Franz Wanner, Jörg Watzinger, Želimir Žilnik, Dr. Philip Zölls