Start > Ausstellungen > SCHÖNHEIT. STÄRKE. LEIDENSCHAFT

Museum Villa Stuck Museum Villa Stuck

1. Juli – 25. Oktober 2020

SCHÖNHEIT. STÄRKE. LEIDENSCHAFT

Die Plastiken Franz von Stucks in den Historischen Räumen neu präsentiert

Kuratorin: Margot Th. Brandlhuber

Augen - Blicke - Perspektive: Nähe und Schönheit des Details erlebt man bei keinem anderen Kunstwerk so intensiv wie bei der Skulptur. Dazu bedarf es nicht der Größe des Objekts, sondern der Auseinandersetzung, Empathie und Einfühlung des Betrachters. Sie erfordert Hinwendung und Hinsehen.

Anlässlich der Erwerbung der nur in wenigen Exemplaren gegossenen und erhaltenen Plastik „Phryne“ aus dem Jahr 1925 zeigt das Museum VILLA STUCK in den Historischen Räumen seine Sammlung von Plastiken von Franz von Stuck in einer Neupräsentation. Die Bronzeskulptur ist eine großzügige Schenkung des Vereins zur Förderung der Stiftung VILLA STUCK e.V.

Franz von Stuck, Amazone (Detail), Modell 1897, Guss 1903, Bronze, patiniert
© Museum Villa Stuck (Dauerleihgabe aus Privatbesitz), Foto: Eva Jünger
Franz von Stuck, Verwundeter Kentaur (Detail), 1891-1893, Bronze
© Museum Villa Stuck (Schenkung Wolfgang Heilmann), Foto: Eva Jünger
Schönheit. Stärke. Leidenschaft. Die Plastiken Franz von Stucks in den Historischen Räumen neu präsentiert.
© Museum Villa Stuck, Foto: Jann Averwerser
Franz von Stuck, Helena, Modell vor 1925, Nachguß 1976, Bronze
© Museum Villa Stuck, Foto: Eva Jünger
Schönheit. Stärke. Leidenschaft. Die Plastiken Franz von Stucks in den Historischen Räumen neu präsentiert.
© Museum Villa Stuck, Foto: Jann Averwerser
Franz von Stuck, Monna Vanna, Modell 1920, Guss vor 1925, Bronze, patiniert
© Museum Villa Stuck, Foto: Eva Jünger
Schönheit. Stärke. Leidenschaft. Die Plastiken Franz von Stucks in den Historischen Räumen neu präsentiert.
© Museum Villa Stuck, Foto: Jann Averwerser
Franz von Stuck, Feinde ringsum, 1916, Gipsmodell
© Museum Villa Stuck, Foto: Eva Jünger
Schönheit. Stärke. Leidenschaft. Die Plastiken Franz von Stucks in den Historischen Räumen neu präsentiert.
© Museum Villa Stuck, Foto: Jann Averwerser
Franz von Stuck, Phryne, 1924, Bronze mit schwarzbrauner Patina
© Museum Villa Stuck (Schenkung des Vereins zur Förderung der Villa Stuck e.V.), Foto: Eva Jünger
Franz von Stuck, Thronender Beethoven, um 1910, Bronze hellbraun patiniert
© Museum Villa Stuck (Schenkung Claudia Wanner), Foto: Eva Jünger

Die Bildhauerei gehört zu den spannendsten Kapiteln in der künstlerischen Entwicklung Franz von Stucks. Seit dem Rom-Aufenthalt bei seinem Kollegen Max Klinger 1890 vermuteten Stucks frühe Zeitgenossen in der „Form“, die ihm laut eigener Aussage „über alles geht“, sein eigentliches Metier und seine größte Begabung. Der 27-Jährige ist endgültig „Plastiker“. Die Entstehungszeit seiner Skulpturen umfasst den Zeitraum von 1890 bis 1925. Auf Kraft und Dynamik der klassizistischen Frühwerke folgen selbstbewusst statische Frauenfiguren bis hin zum Entwurf für ein monumentales Beethoven-Denkmal. Phryne, eine antike Hetäre, gilt als ideale Verkörperung der Schönheit. Ihre Klugheit und ihr weibliches Selbstbewusstsein, das selbst Götter herausfordert, entspricht dem positiven, oftmals kämpferischen Frauenbild des Künstlers. Stuck setzt in der Darstellung auf absolute Symmetrie und explizite Betonung der Vorderansicht, die Verbindung von archaischer Strenge und moderner Reduktion.

Stucks Skulpturen stehen in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Bronzetechnik, die im 19. Jahrhundert eine einzigartige Blüte erlebt und vollendet fein durchgearbeitete Kompositionen hervorbringt. Einer der namhaftesten Gießer, Cosmas Leyrer, fertigt sie in München. Die Statuetten werden in teils handverlesener, teils hoher Auflage für Ausstellungen in Europa und Amerika, Sammler und den freien Kunstmarkt produziert.

Ort für die Neupräsentation von Stucks Skulpturen sind die Historischen Räume des Künstlerhauses, die eine reiche skulpturale Ausstattung besitzen – vom Vestibül bis zum Künstleratelier mit dem Altar der Sünde, der als Weihestätte der Kunst stets End- und Höhepunkt eines Besuchs beim Künstler war. Der Weg des einstigen Gastes und heutigen Besuchers entspricht einem Spaziergang durch die Kunst- und Entwicklungsgeschichte der Antike von der Archaik über Assyrien und Pompeji bis in die byzantinische Zeit. Stuck formt aus den Abgüssen berühmter Reliefs und Figuren Rauminszenierungen und ein Bildprogramm, das seinen geistigen Kosmos widerspiegelt – nicht mit zufällig angebotenen Originalen, sondern mit ausgewählten Antikenkopien aus den bedeutendsten Sammlungen Europas. Appliquen etruskischer Löwenköpfe und korinthischer Koren aus feuervergoldeter Bronze schmücken selbst das einzigartige Ensemble von Möbeln, das auf der Pariser Weltausstellung 1900 mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurde.

Die Künstlersammlung mit Meisterwerken der antiken Plastik wie der „Medusa Rondanini“ aus Rom, der „Pallas Athene“ vom Westgiebel des Aphaia-Tempels in Ägina, der berühmten „Sterbenden Löwin“ aus Assyrien, heute im British Museum in London oder der „Schreitenden Artemis“ aus Pompeji, ist als Raumausstattung integraler Bestandteil des Gesamtkunstwerkes VILLA STUCK und kunstvoll mit eigenen Werken des Künstlers verwoben.

In diesem Kontext werden erstmals Gegenüberstellungen wie die von Stucks Statuette der „Speerschleudernden Amazone“ mit dem antiken „Kopf der Athena“ möglich. Der „Wächter des Paradieses“ mutierte 26 Jahre nach seiner Entstehung anlässlich des 1. Weltkriegs zu Stucks schwertschwingendem Heroen im Kampf mit den feindlichen Mächten Europas. Die Sammlungspräsentation führt das Gemälde und die drei Skulpturen „Feinde ringsum“ erstmals zusammen.

In einer Epoche monumentaler Raum-Installationen steigt die Faszination für das maßstäblich Greifbare, das in seiner Ganzheit Fassbare. Kunstwerke, die eine ungewöhnliche Nähe zwischen Objekt und Betrachter*in erlauben, lassen sich eindringlicher erleben. Der Betrachter kann sich bisweilen über sie beugen, mehrere Ansichten und Perspektiven beinahe gleichzeitig wahrnehmen und dabei stets das Ganze – Idee und Ausdruck – im Blick behalten. Das visuelle Abtasten von Oberflächenstrukturen lässt uns Formen und ihre Wirkung sinnlich erfahren. Dem Sammler ist es vorbehalten, sie zu berühren, sie zu umfassen und den feinen Ziselierungen einer glatten oder rauen, runden oder scharfkantigen Oberfläche mit zarten Fingern nachzuspüren.

Stucks Figuren sind Archetypen, sie verkörpern existenzielle Grunderfahrungen und menschliche Verhaltensweisen von überzeitlicher Gültigkeit. Ihre Interpretation obliegt dem Betrachter, der erkennt: hier bin ich gemeint

COME CLOSE!

#STUCKPLASTIKMVS